Rezyklate und Materialalternativen in der Industrie
In technischen Anwendungen wie Energieführungssystemen entscheidet nicht Ideologie über Nachhaltigkeit, sondern Physik, Materialwissenschaft und Lebensdauer.
Peter Sebastian Pütz, Vice President Marketing & Innovation

Rezyklate spielen in der Diskussion um Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Sie versprechen eine Reduktion des Rohstoffeinsatzes und damit eine bessere Umweltbilanz. Gleichzeitig verändern sie etablierte Materialrezepturen und damit Produkte, die in vielen Branchen über Jahre oder Jahrzehnte zuverlässig funktionieren müssen. Wer hier vorschnell handelt, riskiert nicht nur Qualitätsprobleme, sondern auch das Vertrauen seiner Kunden. Selbst kleine Anpassungen an etablierten Produkten müssen sorgfältig geprüft und transparent kommuniziert werden.
Energieführungsketten bewegen Kabel und Schläuche über teils mehrere hundert Meter hinweg, häufig unter extremen Belastungen. Sie müssen abriebfest sein, mechanischen Kräften standhalten, Temperatur- und Chemikalienbeständigkeit bieten und gleichzeitig wirtschaftlich produzierbar bleiben. Nachhaltigkeit darf diese Eigenschaften nicht gefährden – sie muss sie ergänzen.
Ein konkretes Beispiel ist in diesem Zusammenhang der Einsatz von mechanisch recyceltem Polyamid 6. Heute liegt der Anteil dieses Materials bei einigen unserer Energieführungsketten bereits bei rund 50 Prozent, mit steigender Tendenz. Entscheidend ist dabei immer die Gleichwertigkeit zum Neu-Material. Eine Energieführungskette aus Rezyklat muss denselben Anforderungen genügen wie eine aus primärem Kunststoff: mechanische Belastbarkeit, Verarbeitbarkeit, Oberflächenqualität und Recyclingfähigkeit am Ende des Lebenszyklus. Um diese Gleichwertigkeit sicherzustellen, durchläuft jede Veränderung der Materialzusammensetzung umfangreiche Prüfprogramme. Der Aufwand entspricht in vielen Fällen dem einer vollständigen Neuproduktentwicklung.
Alternativen zu technischen Kunststoffen?
Für den Einsatz nachhaltiger Materialalternativen zu etablierten technischen Kunststoffen sehen wir derzeit noch klare Grenzen. Biobasierte Kunststoffe auf Basis von Zuckerrohr oder Rizinus haben wir intensiv getestet, konnten mit diesen Materialien die erforderlichen mechanischen Eigenschaften jedoch nicht erreichen. Auch sogenanntes Ocean-Plastik erweist sich aufgrund seiner intransparenten Herkunft, seinen hohen Preisen und unzureichender Materialeigenschaften bislang als ungeeignet. Ein weiteres potenzielles Materialfeld sind chemisch recycelte Polymere aus der Kreislaufwirtschaft. Sie könnten langfristig eine wichtige Rolle spielen, doch ist ihre Verfügbarkeit derzeit begrenzt. Für viele industrielle Anwendungen existieren hier schlicht noch keine stabilen Lieferketten.
Lange Lebensdauer vs. Materialalternativen
Gerade deshalb rückt ein anderer Faktor stärker in den Mittelpunkt: die Lebensdauer von Produkten. Ein langlebiges System, das über viele Jahre zuverlässig arbeitet, ist oft nachhaltiger als eine vermeintlich „grüne“ Alternative mit kürzerer Nutzungsdauer. In dieser Hinsicht haben Energieführungssysteme bereits heute ein erhebliches Potenzial. Unsere Stahlketten erreichen eine Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten und lassen sich am Ende vollständig recyceln. Kunststoff- und Hybridlösungen kommen zwar nicht an diese Werte heran, doch durch hochwertige Materialien, optimierte Konstruktionen und konsequente Wartung lässt sich ihre Lebensdauer deutlich verlängern. Service wird damit zu einem zentralen Bestandteil nachhaltiger Industrieprodukte.
Nachhaltige Konstruktion
Auch die Konstruktion spielt in punkto Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz von Rollen in Energieführungsketten. Sie ersetzen den klassischen Gleitprozess der Kette und können den Energiebedarf des Antriebs um bis zu 75 Prozent senken. Gleichzeitig reduziert sich der Abrieb und damit auch die Freisetzung von Mikroplastik. Weniger Verschleiß bedeutet wiederum eine längere Lebensdauer der Systeme.
Additive Fertigung: pulverbettbasiertes SLS-Verfahren
Neue Fertigungstechnologien leisten ebenfalls ihren Beitrag. In der Produktentwicklung setzt Tsubaki Kabelschlepp zunehmend auf additive Fertigungsverfahren wie das pulverbettbasierte SLS-Verfahren. Dies ermöglicht schnelle Iterationen, minimiert Materialabfälle und reduziert in vielen Fällen den energieintensiven Werkzeugbau. Gleichzeitig verkürzt sich die Entwicklungszeit neuer Produkte erheblich.
So funktioniert Nachhaltigkeit
All diese Maßnahmen zeigen exemplarisch, wie Nachhaltigkeit in der Industrie tatsächlich funktioniert. Sie entsteht selten durch spektakuläre Einzelmaßnahmen, sondern durch viele sorgfältig abgestimmte Schritte: neue Materialien, bessere Konstruktionen, langlebige Produkte, intelligente Servicekonzepte und effizientere Entwicklungsprozesse. Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, stärkt nicht nur seine eigene Innovationsfähigkeit, sondern schafft messbaren Mehrwert für seine Kunden. Und genau dort entscheidet sich am Ende, ob nachhaltige Technologien sich durchsetzen.












