Sind KIs Jobkiller? Nö! Aber gehypte CEOs vielleicht schon
Zwischen überzogenen Effizienzversprechen, prominenten Zahlenakrobatiken und realen Stellenabbauten zeigt sich: Die tatsächlichen Produktivitätsgewinne heutiger KIs sind begrenzt. Die eigentliche Gefahr liegt weniger in der Technik als in gehypten Managern. Ein Kommentar
David Löh

Na, erledigt ihr KI-Assistent auch alle unangenehmen und zeitraubenden Standardaufgaben für Sie? Nein??? Wo sind dann die unglaublichen Effizienzgewinne, die mit KI erreicht werden sollen? Angebliche KI-Experten, wie Claudia Hilker, eine Unternehmensberaterin, die es immerhin in einen Tagesschau.de-Artikel geschafft hat, erklärt allen Ernstes, dass sie jetzt mit zwei Leuten den Job von 20 schaffe. Dank KI. „KI-Forscher“ Dario Amodei erklärt – im Vergleich sehr zurückhaltend –, dass KI in den kommenden fünf Jahren die Hälfte aller „Einstiegs-Bürojobs“ ersetze.
Neben den Leuten, die viel Geld damit verdienen, solche abstrusen Zahlenspielereien in die Welt zu tragen, gibt es auch Unternehmen, die Nägel mit Köpfen machen: 30.000 Stellen baut Amazon ab, meldet der Spiegel, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter anderem wegen KI nicht mehr gebraucht würden. Immerhin zehn Prozent der Verwaltung. Auch Meta entlässt mit einer ähnlichen Begründung hunderte Menschen.
Die wenigsten Arbeitsplätze entfallen tatsächlich wegen künstlicher Intelligenz
Ist KI also ein Jobkiller? Wer jemals produktiv mit KI gearbeitet hat, weiß: So einfach ist das nicht. Die Effizienzgewinne sind in wenigen, sehr spezifischen Anwendungsfeldern wirklich erheblich, in fast allen anderen aber heutzutage(!!!) nicht. Übersetzungen funktionieren gut, aus einem Text schnell einen LinkedIn-Post erstellen, das geht auch, oder eine Layout-Vorlage oder einen ersten Entwurf für einen neuen Programm-Code. Aber schon bei Zusammenfassungen, Umformatierungen von Tabellen oder der Suche nach wesentlichen Fakten zu einem bestimmten Thema, erkennt man recht schnell die Grenzen heutiger KI-Modelle. Viel zu oft erzeugt die KI mehr Arbeit als sie erledigt. Vielleicht heißt sie auch deshalb „Generative KI“.
So oder so: Die Job-Gefahr ist nicht dadurch gebannt, dass aktuelle KIs die Intelligenz eines sturzbetrunkenen Sechzehnjährigen haben. Denn es kann durchaus sein, dass KI-gehypte Manager Hals über Kopf Stellen abbauen und sich für diese vermeintliche Pionierleistung feiern lassen wollen. Dass diese Manager ihrem Unternehmen mittelfristig einen Bärendienst erwiesen haben werden, bringt den Entlassenen erstmals nichts. Und genau darin liegt in meinen Augen die tatsächliche Gefahr für die hiesigen Jobs.
Darum muss man sich zwei Aspekte vergegenwärtigen:
1. Die Leute, die die höchsten Einsparpotenziale verkünden, haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit am wenigsten Recht. Sie tun es, weil auf dem Krämermarkt dieser (vor allem im Eigenmarketing hervorragenden) Unternehmensberatungen die/der gewinnt, die/der am lautesten schreit. Schlagartige Effizienzgewinne von 900 Prozent sind absurd. Auch 100 Prozent sind weit, weit davon entfernt, auch nur halbwegs realistisch zu sein.
2. Die Amazons, Metas und sonstigen Großkonzerne dieser Welt bauen, nüchtern betrachtet, die wenigsten Stellen wegen KI ab. Tatsächlich fallen gerade US-Konzerne diesbezüglich besonders auf, weil es dort zur alltäglichen Arbeit eines CEOs gehört umzustrukturieren. Da es in den USA keinen Kündigungsschutz gibt, der auch nur ansatzweise mit unserem zu vergleichen wäre, werden auf einen Schlag auch mal tausende Menschen vor die Tür gesetzt. Hintergrund ist in aller Regel aber weniger die KI als die übliche Wellenbewegung: Ein CEO hat eine Idee, baut eine neue Abteilung auf und stellt dazu für deutsche Verhältnisse extrem viele Leute ein. Dann wird erstmal investiert. Und wenn die Erwartungen nach ein paar Quartalen nicht erfüllt sind, werden ein paar dieser Angestellten in andere Abteilungen versetzt und der Rest entlassen. Statt das offen zu kommunizieren, raten die hauseigenen Marketingexperten, etwas zu sagen, wie: „Wir brauchen die Leute alle nicht mehr, weil wir mit KI unglaubliche Effizienzpotenziale gehoben haben.“ Und die Nachrichtenjournalisten geben das gerne 1:1 weiter. Klickt sich halt gut.
Dieser Kommentar erschien zuerst als Editorial der inspect April-Ausgabe.












