Investitionen, Investitionen, Investitionen.
Was ist der Grund für die anhaltende Investitionszurückhaltung in Europa, insbesondere in Deutschland? Ein Kommentar.
David Löh ,Chefredakteur der inspect

Es geht wieder aufwärts. Das war die wichtigste Nachricht der VDMA-Fachabteilung Machine Vision, die sie auf dem Vision/VDMA CEO Round Table in Stuttgart Ende April verkündete. 3 Prozent Wachstum prognostiziert der Verband für das aktuelle Jahr für die Branche. Er sieht also Zeichen einer Trendwende für die deutsche Bildverarbeitungsindustrie nach dem Umsatzrückgang von 2 Prozent im vergangenen Jahr.
Also alles im Loot? Keinesfalls. Denn die deutschen Hersteller und Anbieter steigerten ihre Umsätze nur außerhalb Europas (Nordamerika plus 9 Prozent, Asien plus 3 Prozent), womit sie die Rückgänge in Europa von minus 6 Prozent ausgleichen mussten.
Aber was ist der Grund für die anhaltende Investitionszurückhaltung in Europa, insbesondere in Deutschland? Die selbstverschuldete Krise der Automobilindustrie (Elektromobilität ja, nein, ich meine: jein)? Kaputte Infrastruktur? Hohe Energiepreise, Lohnkosten, Steuern? Über jeden dieser Punkte kann man lange diskutieren, weil an allen irgendwo was dran ist. Am Ende bleibt aber die Erkenntnis, dass jedes Land mit ähnlichen oder schlimmeren Problemen zu kämpfen hat. Dennoch läuft es anderswo oft besser. Beispiel USA: Privates und staatliches Kapital fließt in riesigem Umfang in heimische Fabriken und den derzeitigen KI-Hype. Beispiel Asien: Dominant sind massive Investitionen in die Elektronik- und Automobilindustrien.
Den Fehler, den Europa, insbesondere Deutschland, seit Jahrzehnten macht, ist der alleinige Fokus auf private Investitionen und freie Märkte. Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Betonung liegt hier auf „alleinige Fokus“! Letztlich wartet die größte Volkswirtschaft Europas darauf, dass große Unternehmen, private Fonds etc. haufenweise Geld in die Elektromobilität, Energiewirtschaft etc. stecken. Dafür werden dann hier und da Steuern gesenkt, Abgaben verringert oder Förderprojekte ins Leben gerufen. Alles aber hochkompliziert, in einem viel zu geringen Umfang und ohne jede Kontinuität. Einzige Ausnahme und Erfolg, die Energiewende, wird jetzt torpediert, anstatt sinnvoll zu Ende geführt zu werden.
In krassem Kontrast stehen die Fünfjahrespläne der chinesischen Regierung. Die sind sicher kein Vorbild für demokratische Staaten, zeigen aber doch, was mit nachhaltigen Investitionen in relevantem Umfang erreicht werden kann. Und ja, dafür werden jahrelang große Verluste in Kauf genommen. Am Ende zählt, ob die Strategie aufgegangen ist: Im 14. Fünfjahresplan (2020 bis 2025) zum Beispiel spielte technologische Unabhängigkeit eine wichtige Rolle. Darum investierte das Regime massiv in die digitale Transformation, was auch die industrielle Bildverarbeitung beinhaltete. Hier haben sich innerhalb kurzer Zeit Global Player herausgebildet, die jetzt in Konkurrenz zu europäischen Anbietern stehen. Besser gesagt: Sie stehen technologisch auf einer Stufe, unterbieten die hiesigen Preise aber um 30, 40, 50 Prozent. Kurz gesagt: Es gab eine Strategie, die durchgezogen wurde, während insbesondere Deutschland gehofft hat, dass allen anderen die freie Marktwirtschaft ebenso wichtig ist, wie ihm selbst. Tja….
Die aktuellen Regierungen, ob die deutsche oder die Europäische Kommission, haben nach wie vor nicht verstanden, dass Europa strategisch, also planvoll und nachhaltig, in die Zukunft investieren muss. Stattdessen verrennen sie sich im Kleinklein der Tagespolitik, weil sich natürlich bei jedem Schritt irgendeine Branche/Lobbygruppe beschwert, seien es die Autohersteller, die sich um ihre Quartalsergebnisse sorgen, oder die Agrarkonzerne, die ihre Pfründe behalten wollen. So wird das nix. Es muss eine Strategie her. Die Leitfragen sind: In welche Richtung soll es gehen und wo wollen wir wann sein? Dann wird der Plan entwickelt und die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen, und ja, auch Investitionen getätigt. Aber diese Ziele und Maßnahmen dürfen dann nicht sofort wieder kassiert werden, wenn es unbequem wird, wie der „European Green Deal“ der EU Kommission.
Zum Schluss noch eine Anekdote: Ich habe mich vor einer Weile mit einem US-Amerikanischen CEO über die Eigenheiten seiner und unserer Regierungen unterhalten. Er meinte, seine sei gut darin, viele Milliarden US-Dollar in das Falsche zu investieren, also Geld zu verschwenden. Ich sagte, meine sei gut darin, über diese Milliarden zu reden.












