Die smarte Trafostation
Mehr als Temperaturüberwachung – Universalrelais erhöht Lebensdauer von Transformatoren
Andreas Kaßen, Leiter Vertrieb

Jahrzehntelang galt die Trafostation als Black Box – vor Überhitzung geschützt, aber wenig transparent. Das ändert sich mit einem webfähigen Universalrelais. Es verbindet bewährten Trafo-Schutz mit modernem Condition Monitoring und liefert einen Blick auf den tatsächlichen Zustand des Transformators – in Echtzeit. Statt bloßer Symptombekämpfung kann jetzt eine gründliche Fehlerursachen-Analyse erfolgen.
d Seit vielen Jahren schützt das Temperaturrelais TR250 von Ziehl Industrie-Elektronik Transformatoren vor Zerstörung durch Überhitzung. Nun gibt es die neue UR-Serie, die jetzt in den ersten Stationen im Einsatz ist. Das UR840IP ist ein webfähiges Universalrelais mit Ethernet-Schnittstelle, dass sich zur Implementierung eines ganzheitlichen Condition-Monitoring-Systems in Trafostationen eignet. Das folgende Anwendungsbeispiel demonstriert, wie das System weit über die traditionelle Temperaturüberwachung hinausgeht.
Eine vielseitige Überwachungslösung
Das UR840IP verfügt über acht analoge Messeingänge und vier digitale Eingänge. Bei einem Energieversorger kommt das System in einer modernen Trafostation mit folgender Sensor-Konstellation zum Einsatz: Mehrere Pt100-Sensoren erfassen die Wärmezustände des Transformators. Ein Sensor detektiert die Wicklungstemperatur (Hotspot), ein Sensor die Öltemperatur an der obersten Stelle des Transformators und ein zusätzlicher Sensor überwacht die Kerntemperatur. Darüber hinaus wird ein Umgebungstemperatursensor außerhalb der Trafostation angebracht, um die lokalen Betriebsbedingungen zu dokumentieren. Parallel dazu wird ein Luftfeuchte- und Drucksensor installiert, da Feuchtigkeitseintritt eine der Hauptursachen für vorzeitige Isolationsverschlechterung und Trafo-Ausfälle ist. Die Eingänge 0–10 V oder 4-20 mA ermöglichen die Integration von Messumformern für Kühlsystem-Parameter wie Lüfterleistung, Pumpenleistung sowie die Erfassung von Druck und Durchfluss bei Flüssigkeitskühlung.
Die vier digitalen Eingänge werden zur Überwachung kritischer Betriebszustände konfiguriert: Türkontakte zum Erkennen unbefugten Zutritts, Kontakte für den Status von Kühlanlage und Lüftern sowie Signale von Niederspannungsschaltern. Damit wird ein System geschaffen, dass den gesamten Trafo-Zustand in Echtzeit erfasst, nicht nur Temperaturwerte.
Messgrößen für das Condition Monitoring
In der Trafostation stellt die Wicklungstemperatur die kritischste Größe dar, denn sie bestimmt die Alterungsgeschwindigkeit der Isolierung. Standards wie IEC 60076-7 definieren dabei typischerweise Alarmschwellen bei 120 °C und Trip-Werte bei 140-160 °C. Das Öl-Top-Temperaturverhalten wird kontinuierlich protokolliert und ermöglicht die Berechnung der Papierfeuchte sowie des Alterungsindex – wichtige Indikatoren für den Restzustand des Transformators. Die Luftfeuchtigkeit in der Station korreliert direkt mit dem Risiko von Feuchtigkeitseintritt ins Transformatoröl: Jeder Prozentpunkt Feuchteerhöhung verkürzt nachweislich die Lebensdauer um mehrere Jahre.
Darüber hinaus werden Betriebsparameter erfasst: Erste Indikatoren für innere Fehler werden über die aktuelle Belastung (über sekundäre Stromwandler), Kühlsystem-Status (Lüfter-Laufzeit, Pumpenleistung) sowie über Drucksensoren im Öl ausgewiesen. Diese Multi-Parameter-Erfassung ist das entscheidende Merkmal gegenüber älteren Systemen, die nur die Öltemperatur überwachen. Ein Transformator mit stabil hoher Temperatur bei niedriger Last kann ein Kühlsystem-Problem signalisieren, während bei hoher Last und stabiler Temperatur die Belastung optimal ist.

Datenarchivierung sorgt für Erkennung langfristiger Trends
Das Universalrelais besitzt zwei Schnittstellen zur Datenübertragung und -archivierung. Die Ethernet-Schnittstelle mit TCP/IP und eingebautem Webserver ermöglicht den direkten Zugriff via Standard-Internet-Browser, sowohl aus dem Intranet der Energieversorger als auch remote von der Leitwarte. Die RS485-Schnittstelle mit Modbus bietet die Anbindung an bestehende Leittechnik-Systeme.
Das Gerät protokolliert alle Messwerte mit exaktem Zeitstempel – dank eingebauter Echtzeituhr mit 7-Tage-Gangreserve. Dabei ermöglicht das Datenlogging-Feature des UR840IP eine lokale Speicherung der Messwerte auf dem Gerät selbst.
Die Datenarchivierung für längerfristige Trends erfolgt zentral auf Seiten des Betreibers. Per Modbus TCP werden alle Messwerte im Minuten- oder Stunden-Rhythmus an eine zentrale Datenbank übertragen, wo Analysen über Monate erfolgen. Diese Langzeitarchivierung ist essentiell: Ein Transformator, dessen Öltemperatur um 10 °C pro Jahr ansteigt, zeigt Alterungstrends, die ohne diese Historisierung nicht erkannt werden. Ein Anstieg der Wicklungstemperatur bei gleichbleibender Last über mehrere Monate deutet auf eine interne Verschlechterung hin.
Diagnose des Trafozustands
Das UR840IP ermöglicht durch die intelligente Verknüpfung mehrerer Messwerte, sogenannter virtueller Sensoren, die Diagnose spezifischer Fehlerszenarien. Die Plattform unterstützt bis zu acht virtuelle Sensoren, die Differenzen sowie Minima oder Maxima von Messwerten errechnen. In der Trafo-Praxis bedeutet dies: Ein thermisches Alterungs-Modell wird durch Kombination von Wicklungs-, Öl- und Umgebungstemperatur erzeugt. Die Norm IEC 60076-7 definiert die Alterungsgeschwindigkeit exponentiell zur Temperatur: Jede 6 °C-Temperaturerhöhung verdoppelt die Alterungsrate. Durch kontinuierliche Erfassung aller Temperaturwerte kann das System den kumulativen Alterungsindex berechnen und vorhersagen, wann die erwartete Lebensdauer (30 bis 40 Jahre bei normalen Bedingungen) erreicht ist.
Ein Feuchtigkeits-Indikator wird aus der Korrelation zwischen Öltemperatur und Umgebungsfeuchte abgeleitet. Wenn bei stabiler Öltemperatur die Umgebungsfeuchte steigt, deutet dies auf potenziellen Feuchtigkeitseintritt hin. Das System kann hierfür Grenzwerte setzen und Wartungsalarme auslösen.
Ein Fehlererkennungs-Szenario für interne Defekte wird durch plötzliche Temperatursprünge bei konstanter Last erkannt: Ein sprungartiger Anstieg der Wicklungstemperatur um 10-15 °C ohne entsprechende Lasterhöhung kann auf einen inneren Kurzschluss oder einen Wicklungsschaden hindeuten. Das System benachrichtigt sofort die Netzleitstelle, wo dann Schnellmaßnahmen eingeleitet werden können – etwa die Reduktion der Belastung oder die Vorbereitung eines Transformator-Austauschs.
Inbetriebnahme und Grenzwert-Programmierung
Bei der Installation in einer Trafostation durchläuft das UR840IP einen strukturierten Inbetriebnahmeprozess. Anschließend erfolgt die Netzwerk-Konfiguration: IP-Adresse, Gateway und Subnetz-Maske werden gemäß der IT-Infrastruktur der Energieversorger zugewiesen. Die Test-Kommunikation erfolgt via Web-Browser (TCP/IP-Zugriff) und über Modbus-Lesezugriffe, um sicherzustellen, dass die Daten zuverlässig abfließen. Die Alarm- und Grenzwert-Programmierung ist ein kritischer Schritt, der oft zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Für jedes der vier Ausgangsrelais werden Grenzwerte pro Eingang definiert. Beispielsweise:
- Eingang 1, Wicklungstemperatur: Alarm bei 120 °C, Trip bei 145 °C
- Eingang 2, Öltemperatur: Alarm bei 80 °C, Trip bei 90 °C
- Eingang 3, Umgebungsfeuchte: Alarm bei 75 % relative Feuchte
Zeit-Verzögerungen werden konfiguriert, um Fehlalarme zu vermeiden (zum Beispiel Alarm erst nach 10 Minuten Überschreitung, nicht sofort bei kurzzeitigen Spitzen). Diese Datenbank von Schwellenwerten wird dokumentiert und mit dem Transformator-Hersteller und dem Netzbetreiber abgestimmt.
Die Datenlogging-Konfiguration wird auf ein Messwert pro Minute eingestellt – ein Kompromiss zwischen Speicherplatz und Auflösung. Die Zeitserver-Synchronisierung wird aktiviert, damit alle Geräte in der Trafostation-Flotte eine gemeinsame Zeitbasis haben (kritisch für die Fehlerursachen-Analyse bei Ausfällen).
Fehlerdiagnose und Störungsbeseitigung
Das UR840IP zeigt seine Stärke bei der Fehlerdiagnose während der Störungsbeseitigung. Ein mögliches Szenario: Ein Transformator liefert plötzlich Alarme. Die Wicklungstemperatur springt von 65 °C auf 92 °C, die Öltemperatur bleibt jedoch bei 72 °C. Die Umgebungstemperatur beträgt 18 °C.
Der klassische Ansatz (nur Temperaturmessung): Der Techniker sieht nur „zu heiß“ und versucht, den Trafo abzuschalten oder zu warten.
Der UR840IP-basierte Ansatz: Das System speichert nicht nur den aktuellen Wert, sondern die gesamte Historisierung der letzten Stunden. Ein Blick auf die Datenlogging-Kurven zeigt, dass die Wicklungstemperatur vor 20 Minuten stabil war, dann sprunghaft angestiegen ist, während die Lastmessung (über externe Stromwandler im 8. Eingang) konstant bei 60 Prozent bleibt. Ein Blick auf die Kühlsystem-Parameter zeigt, dass der Lüfter nicht aktiv ist, obwohl die Öltemperatur über dem Schwellenwert liegen sollte.
Diagnose: Das Kühlsystem (Lüfter oder Pumpe) funktioniert nicht. Nicht der Transformator selbst. Der Hotspot-Sensor sitzt in der wärmsten Zone der Wicklung und zeigt zuerst den Fehler. Der Netzbereich reagiert schnell: Die Belastung wird reduziert, die Serviceeinheit wird zur sofortigen Reparatur des Kühlsystems informiert. Der Transformator selbst bleibt vorerst einsatzfähig, da die Gesamtöltemperatur noch nicht kritisch ist.
Vorteile für den Betreiber
Für den Betreiber hat das Condition-Monitoring-System viele Vorteile. Anstatt jeden Trafo nach starrem Zeitplan zu prüfen, wird die Wartung basierend auf echtem Zustand geplant. Ein Trafo in idealen Bedingungen (stabile moderate Temperatur, niedrige Feuchte) kann 6 bis 8 Jahre laufen, während ein anderer mit hoher Belastung bereits nach 2 Jahren kritische Prüfungen braucht. Dies spart Wartungskosten und reduziert unnötige Reparaturen.
Ein einzelner Transformator-Ausfallzufall in einem Stromverteilnetz kann zu langen Blackouts führen – mit enormen wirtschaftlichen Schäden. Beispiel: Der Ausfall einer 30-MW-Transformatorenstation könnte 100.000 Haushalte betreffen und Schäden in Millionenhöhe anrichten. Das UR840IP erkennt beginnende Probleme (Kühlsystem-Fehler, Feuchtetrend) Wochen vor dem Totalausfall, sodass Austausch oder Reparatur planbar ist.
Moderne Energieversorger müssen regulatorische Anforderungen erfüllen (Netzstabilität, Blackout-Minimierung, Dokumentation). Das Datenlogging des UR840IP mit Zeitstempel bildet einen lückenlosen Audit-Trail: Jeder Alarm, jede Anomalie, jede Grenzwertüberschreitung ist dokumentiert und nachvollziehbar. Im Fehlerfall kann der Regulator prüfen, ob der Betreiber die richtigen Schutzmaßnahmen eingeleitet hat.
Das UR840IP erlaubt Benutzerverwaltung und Kennwortschutz im eingebauten Webserver. Der Zugriff kann auf bestimmte Rollen (zum Beispiel Techniker dürfen Grenzwerte einsehen aber nicht ändern) eingeschränkt werden. Mit der TCP/IP-Schnittstelle können Verschlüsselungs- und Authentifizierungs-Protokolle (https, Zertifikate) implementiert werden – essentiell für kritische Infrastruktur.












