„Alles wird kleiner und erhält mehr Intelligenz“
Die Intralogistik gilt als einer der bedeutendsten Sektoren des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus – auch für Baumer gewinnt die Branche immer mehr an Bedeutung. Über aktuelle Trends sprechen wir mit Peter Jürgen Tittes.

Welche Bedeutung hat die Intralogistik für die Gesamtstrategie von Baumer?
Peter Jürgen Tittes: Eine immer größere. Neben der Fabrik- und Prozessautomation und den Mobilen Maschinen ist die Intralogistik eine immer wichtiger werdende Branche in der Gesamtstrategie von Baumer.
Welche Trends sehen Sie aktuell in der Automatisierung von Lager- und Fördertechnik?
Peter Jürgen Tittes: Miniaturisierung und Vernetzung. Der Trend geht vor allem von schienengebundenen zu frei fahrenden Fahrzeugen (AGV, AMR). Höhere Fahrgeschwindigkeiten sowie flexible Lagerung – also nicht nur Boxen unterschiedlicher Größe, sondern auch frei liegende Produkte – sind im Kommen. Ein beständiger Trend wie überall ist die Miniaturisierung. Alles wird kleiner. Zusätzlich erhalten die Einzelkomponenten mehr „Intelligenz“. Man versucht, nicht nur Teile zu bringen und zu holen, sondern schon in dem Logistikprozess die nachfolgenden Schritte vorzubereiten.
Welche Rolle spielen Sensoren bei der Automatisierung von Shuttles, AGVs und AMRs?
Peter Jürgen Tittes: Sensoren spielen hier eine zentrale Rolle. Gerade bei selbstfahrenden Fahrzeugen sind sie ein essenzieller Bestandteil der Steuerung und Orientierung. Ohne die Fortschritte und Neuerungen der vergangenen Jahre wären solche Fahrzeuge überhaupt nicht denkbar. Vor allem die Möglichkeiten in der Sensorik haben zu dem Boom von selbstfahrenden Fahrzeugen geführt.
Wie tragen Ihre Lösungen zur Kollisionsvermeidung, Positionskontrolle und Geschwindigkeitsüberwachung bei?
Peter Jürgen Tittes: Baumer bietet mit seinem sehr breiten Portfolio natürlich Lösungen für fast alle Aufgaben. Angefangen mit den Drehgebern für Geschwindigkeit, Stillstand oder Position über die ToF-Sensoren zur zusätzlichen Lagenerfassung bis zu den Miniatur-Lasersensoren zum Feinpositionieren bietet die Baumer-Produktpalette ein weites Spektrum an Lösungen – von einfachen, schaltenden bis zu hochpräzisen, messenden Sensoren.
Welche Vorteile bietet die Integration von IO-Link für Intralogistik-Anwendungen?
Peter Jürgen Tittes: Das sind dieselben Vorteile, die IO-Link überall bietet. Einfache Anbindung, kostengünstige Verkabelung, standardisierte Datenübertragung und Mehrfachnutzung der Sensoren. Nehmen wir einmal das Beispiel Kollisionsvermeidung: Normalerweise werden Sensoren mit zwei Schaltausgängen (wegen den Kosten der Steuerung, der schnellen Reaktion und der einfachen Anbindung) mit folgenden Funktionen genutzt: langsam fahren, stehen bleiben. Das funktioniert in der Regel auch gut. Möchte man aber nun wissen, wie genau zum Beispiel ein AGV zum kollidierenden Objekt steht, kann man über IO-Link den Distanzwert abfragen. Und das nur bei Bedarf, um im Normalfall das System nicht zu überlasten. Man kauft und verwendet quasi einen „günstigen“, schaltenden Sensor, der bei Bedarf auch Messwerte liefern kann. Zusätzlich erhält man über IO-Link auch viele Zusatzinformationen wie Temperatur, Alter und Betriebsstunden der Sensoren, Verschmutzungsgrad, Zustand der Versorgungsspannung usw. IO-Link-Sensoren von Baumer verfügen über einen internen Speicher, der das Condition Monitoring erleichtert, da die Werte direkt im Sensor hinterlegt bleiben.
Was zeichnet den neuen UF300-Ultraschallsensor aus? Für welche Anwendungen in der Intralogistik eignet sich dieser Sensor besonders?
Peter Jürgen Tittes: Klein im Volumen, groß in der Leistung. Der UF300 bietet für seine Größe eine erstaunliche Reichweite von bis zu drei Metern. Er eignet sich für Anwendungen mit höheren Reichweiten wie zum Beispiel die Raumüberwachung. Dort kann er parallel zu den ToF-Sensoren eingesetzt werden, da der „Sichtbereich“ des UF300 breiter ist als der eines ToF-Sensors. Der UF300 ist vor allem im Bereich der Palettenförderer die ideale Sensorlösung. Hier ist oft Verschmutzung ein Thema und optische Sensoren reagieren empfindlich, daher übernimmt ein Ultraschallsensor verschiedene Aufgaben. Und durch seine Schrankenfunktion ist er besonders geeignet für die Bereichsüberwachung von oben, beispielweise von Palettenstellplätzen.
Die Time-of-Flight-Sensoren OT200 und OT330 gelten als kompakt und leistungsstark. Wo sehen Sie die größten Vorteile dieser Technologie gegenüber klassischen Lichttastern?
Peter Jürgen Tittes: Die Baumer-ToF-Sensoren sind vor allem aufgrund ihrer Reichweite interessant. Die Time-of-Flight-Sensoren OT200 und OT330 gehören mit ihren kompakten Gehäusegrößen in die Gruppe der Ein-Zoll- oder Miniatursensoren, erreichen aber Schalt- und Messdistanzen bis zu 2,5 respektive drei Metern – bei minimalem Blindbereich. Klassische Lichttaster erzielen in ähnlichen Gehäusegrößen nur Werte, die Faktor 4-5 kleiner sind. Zudem sind ToF-Sensoren technologiebedingt robust gegenüber Verschmutzung und sehr stabil bei der Detektion auch schwieriger dunkler oder glänzender Materialien. Ein weiterer Vorteil: Die Baumer eigenen Algorithmen sorgen für eine hervorragende Fremdlichtsicherheit, und das auch bei immer kritischer werdenden LED-Beleuchtungen. Mit KI und innovativer Technik konnten erhebliche Nachteile der ToF-Technologie gemindert werden, so dass die OT-Baureihen ähnliche Eigenschaften aufweisen wie klassische optische Sensoren.
Welche Technologien machen Ihre Sensoren besonders effizient und anwenderfreundlich?
Peter Jürgen Tittes: Da gibt es einige. Es sind zum Beispiel die oben erwähnten Baumer eigenen Technologien und noch ein paar mehr. Um nur drei zu nennen:
- NexSonic: Damit benennen wir die aktuelle Generation der Baumer-Ultraschallsensoren. Diese zeichnen sich durch drei Merkmale aus: schnellste Reaktionszeit eines Ultraschallsensors, kleinster Blindbereich im Verhältnis zur Reichweite (ca. Faktor 3 kleiner als der Wettbewerb) und vielfältige Parametriermöglichkeiten (Schallkeule, Ausgangsbeschaltung usw.).
- qTarget: Das bedeutet, dass der Sendestrahl bei allen Sensoren (Serienstreuung) mit gleichbleibender Genauigkeit ausgerichtet ist. Das erleichtert die Montage (3D-Konstruktion und Realität stimmen überein) und ermöglicht einen Sensortausch ohne erneutes Ausrichten. qTarget spart Zeit beim Einbau, Kosten bei der Halterung und erhöht die Funktionsreserve in der Anwendung.
- qTeach: Das ist die Möglichkeit, einen Sensor ohne Knopf, Taster oder Poti einzulernen. Durch den Sensor-im-Sensor kann der Teach-Vorgang mit einem metallischen Gegenstand aktiviert werden. Es reicht sogar der Druckknopf eines Kugelschreibers. Die Vorteile liegen auf der Hand: höhere Dichtigkeit, da kein Loch im Gehäuse ist, weniger Manipulationsmöglichkeiten, da man keinen „Knopf“ sieht, sicheres Einlernen, da keine mechanischen Kräfte auf das Gerät einwirken. qTeach bedeutet aber vor allem eine höhere Zuverlässigkeit (MTTF Zeiten), da keine verschleißende Mechanik verbaut ist.
Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Sensoren auch unter schwierigen Bedingungen (Staub, Rauch, Sprühnebel) zuverlässig arbeiten?
Peter Jürgen Tittes: Diese Anforderungen berücksichtigen wir natürlich schon im Entwicklungsprozess. In erster Linie versuchen wir, eine hohe Funktionsreserve einzubauen. Zweitens hat Baumer für schwierige Umgebungen Baureihen in zum Beispiel Hygiene- oder Washdown-Design. Zudem sind mit ToF-, SmartReflect- (Lichtschranke ohne Reflektor) oder NexSonic-Sensoren schon Technologien im Einsatz, die besser mit schwierigen Umgebungsbedingungen zurechtkommen. Nicht zuletzt können durch integrierte IO-Link-Funktionen (in allen neuen Baumer-Baureihen vorhanden) Verschmutzungen erkannt und gemeldet werden, um Fehlfunktionen zu vermeiden.
Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die Gesamtbetriebskosten für Kunden zu senken?
Peter Jürgen Tittes: Die meisten der Baumer-Benefits wie qTarget, IO-Link-Funktionen oder platzsparende Bauformen helfen unseren Kunden, die Integration zu vereinfachen und Kosten zu sparen. Ein besonders gutes Beispiel sind die Lichtschranken ohne Reflektor (SmartReflect), mit denen sich zum Beispiel bei Stetigförderern die Installations- und Instandhaltungskosten deutlich senken lassen. Zusätzlich sind unsere Sensoren für einfache Handhabung entwickelt. Wenn sie nicht gerade out-of-the-box einsetzbar sind, können sie durch den einheitlichen Teach-Prozesses schnell eingelernt und parametriert werden. Die neuen Baumer-Sensoren sind zudem so designed, dass sie untereinander ausgetauscht werden können. Das erhöht die Flexibilität und senkt die Kosten.












