Humanoide Roboter erreichen den Mittelstand
Humanoide Roboter rücken für kleine und mittlere Unternehmen in greifbare Nähe. Sinkende Kosten, schnelle Einsatzbereitschaft und steigende Flexibilität eröffnen neue Anwendungen jenseits klassischer Insellösungen.
Jens Klärner, Produkt Owner RBTX

Sie könnten zu universellen Helfern in den Fabriken von morgen werden. Die Erwartungen an humanoide Roboter sind derzeit hoch. Gleichzeitig stehen ihrem breiten Einsatz noch Hürden im Weg: Systeme gelten als komplex und teuer. Genau hier setzt Igus mit seiner Low-Cost-Automation-Expertise an und präsentiert seinen ersten humanoiden Roboter. Der „Iggy Rob“ ist nicht nur vergleichsweise günstig, sondern auch schnell einsatzbereit. Möglich wird das durch die mobile Plattform ReBeLMove.
Große Erwartungen, hohe Hürden
Roboter sind aus der Industrie längst nicht mehr wegzudenken. Unermüdlich übernehmen sie vielfältige Aufgaben und erledigen diese schnell und zuverlässig. Doch klassische Industrieroboter stoßen zunehmend an Grenzen: Viele Tätigkeiten sind nicht vollständig repetitiv, stationäre Systeme bleiben oft Insellösungen und erreichen nicht immer einen schnellen Return-on-Investment.
International richten sich daher große Hoffnungen auf humanoide Roboter. Aus dem Silicon Valley kommen Prognosen, wonach es im Jahr 2040 mehr humanoide Roboter als Menschen geben könnte. Selbst konservativere Schätzungen, etwa von der Unternehmensberatung Horváth, gehen von einem deutlichen Wachstum aus. Auch der Gartner Hype Cycle erwartet tiefgreifende Veränderungen, insbesondere in den Lieferketten. Aktuell treibt vor allem die Automobilindustrie entsprechende Projekte voran, etwa beim Transport schwerer Bauteile.
Für den Serieneinsatz sind viele humanoide Systeme jedoch noch nicht bereit. Einer der Hauptgründe bleibt der Preis: In der Industrie liegen humanoide Roboter häufig bei 80.000 Euro und mehr. Die Horváth-Studie prognostiziert allerdings sinkende Kosten auf rund 48.000 Euro. Mit einem Preis von 47.999 Euro bestätigt der Iggy Rob diese Entwicklung und positioniert sich als Low-Cost-Lösung für vielfältige Anwendungen in Industrie und Gesellschaft.

Bewegung fast ohne Einschränkungen
Humanoide Roboter zeichnen sich vor allem durch ihre Mobilität aus. Sie können sich flexibel innerhalb von Fabriken bewegen, mit Armen Greifaufgaben übernehmen und mithilfe künstlicher Intelligenz situationsgerecht agieren. Der Iggy Rob transportiert Bauteile, kann als Serviceroboter am Empfang eingesetzt werden oder in der Kantine Geschirr abräumen.
Dass Igus in vergleichsweise kurzer Zeit einen funktionsfähigen humanoiden Roboter entwickeln konnte, ist kein Zufall. „Wir beschäftigen uns bereits seit 2014 mit humanoider Robotik“, sagt Alexander Mühlens, Leiter des Geschäftsbereichs Low-Cost-Automation bei Igus. Der Cobot ReBeL ist längst in zahlreichen industriellen Anwendungen etabliert und weltweit gefragt. Auch autonome mobile Roboter (AMRs) spielen am Standort Köln eine zentrale Rolle: Der ReBeLMove automatisiert Logistikprozesse und bewegt Lasten von bis zu 50 Kilogramm.
Bewährte Technik als Grundlage
Der Iggy Rob ist rund 1,70 Meter groß und bringt nahezu alles mit, was man von einem humanoiden Roboter erwartet. Im Kopf befindet sich ein Display mit Gesichtszügen. Lidar-Sensoren und 3D-Kameras im Brustbereich sowie im Fahrzeug sorgen für zuverlässige Objektdetektion und Navigation durch Fabrik, Lobby oder Kantine.
Für die Arme setzt Igus auf bewährte Technik aus dem eigenen Haus: Zwei ReBeL-Cobot-Arme mit bionischen Händen ermöglichen menschenähnliche Greifbewegungen. Mit sechs Achsen erreichen die Arme eine Reichweite von 664 Millimetern, bewegen sich mit bis zu 45 °/s und tragen jeweils zwei Kilogramm. Auf Beine verzichtet Igus bewusst. Stattdessen übernimmt der AMR ReBeLMove die Fortbewegung. Mit einer Traglast von 50 Kilogramm und bis zu 100 Kilogramm Zuladung bewegt sich der Roboter stabil durch die Hallen. Viele Fabriken sind bereits auf AMR-Infrastrukturen ausgelegt. Eine Akkuladung ermöglicht bis zu acht Stunden Arbeit ohne Unterbrechung.
Ausgeliefert wird der Iggy Rob mit der hauseigenen Igus Robot Control. Die Software erlaubt eine intuitive Programmierung und Steuerung verschiedener Roboterkinematiken – von Delta- und Portalrobotern bis hin zum humanoiden System. Bewegungsabläufe lassen sich vorab in einer 3D-Umgebung simulieren, selbst ohne angeschlossenen Roboter.
Über eine eigens entwickelte ROS2-Schnittstelle ist der Iggy Rob in moderne Roboterumgebungen integrierbar. Gemäß VDE 5050 ist er für das Flottenmanagement zugelassen und besitzt eine CE-Zertifizierung.
Weitreichender Einsatz im Maschinenbau
Das Igus-Team sieht großes Zukunftspotenzial für humanoide Roboter. „Sie können sich künftig deutlich besser durch die für den Menschen geschaffene Welt bewegen“, prognostiziert Alexander Mühlens. Einsatzfelder sieht er unter anderem in der Metallverarbeitung und entlang der Supply Chain.
Auch im eigenen Unternehmen ist der Iggy Rob bereits fest eingeplant: Er soll beim Bestücken von Spritzgussmaschinen unterstützen. Besonders der Maschinenbau dürfte laut Alexander Mühlens zu den ersten Branchen zählen, die humanoide Roboter in größerem Umfang einsetzen.
Test-before-Invest als Einstiegshilfe
Humanoide Robotik ist für viele Unternehmen Neuland. Deshalb setzt igus auf ein „Test-before-Invest“-Programm. Vor einer Kaufentscheidung analysiert das Robotik-Team gemeinsam mit dem Kunden die möglichen Einsatzpotenziale vor Ort – ohne Kaufzwang. Fällt die Bewertung positiv aus, steht einer Investition nichts mehr im Weg. Der Trend ist eindeutig: Humanoide Roboter werden an Bedeutung gewinnen. Mit seinem vergleichsweise niedrigen Einstiegspreis bietet der Iggy Rob dafür eine praxistaugliche und wirtschaftliche Perspektive.












