24.04.2026 • Fachbeiträge

Warum Logistik über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet

Wertschöpfungsketten aus logistischer Perspektive gestalten

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Martin Schwemmer, Professor für Internationale Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik, Hochschule Heilbronn.
© BVL

Triple Transformation ist keine Management-Floskel, sondern die Realität von Logistik und Supply Chains: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz müssen parallel umgesetzt werden. Die Logistik ist also mehr denn je ein strategischer Faktor: Sie gilt als Garant für effiziente Netzwerke, bringt Tempo in die Umsetzung und hält Unternehmen in volatilen Märkten handlungsfähig.

Ein Blick auf die Marktzahlen unterstreicht, warum Geschwindigkeit und Effizienz zu Standortfragen werden. 2024 stieg das Logistikaufwandsvolumen in Deutschland um 2,6 Prozent auf rund 335 Milliarden Euro. Zugleich wirkte der reale Gesamt­effekt negativ (-2 Prozent), Transportmengen schrumpften (-2,1 Prozent) und die Logistikbeschäftigung (bei Logistikdienstleistern, Handel und Industrie) sank auf 3,35 Millionen Erwerbstätige (-1,8 Prozent, etwa -60.000 Köpfe). Ein Teil des Wachstums ist also preisgetrieben – etwa durch gestiegene Entgelte (+5,9 Prozent im Jahr 2024), Mautausweitung oder höhere Seefrachtraten infolge der Unsicherheiten im Roten Meer. Das zeigen Ergebnisse der Studie „Top 100 der Logistik“ der DVV Media Group Hamburg in Zusammenarbeit mit der Hochschule Heilbronn und der Bundesvereinigung Logistik. Für Unternehmen bedeuten diese Entwicklungen: Die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht an schönen Ziel­bildern, sondern an der Fähigkeit, Durchlaufzeiten zu verkürzen, Ressourcen klug zu nutzen und die eigene Supply Chain stabil zu steuern.

Umbrüche verschärfen Versorgungsrisiken

Gleichzeitig erleben Logistikverantwortliche nach Pandemie, Suez-Störungen und Halbleiterkrise nun eine Phase geopolitischer Umbrüche, die sich direkt in Routenrisiken, Verfügbarkeiten und Kosten übersetzt. Auch im März 2026, durch erhebliche Einschränkungen für den Welthandel aufgrund Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Das „New Normal“ der vergangenen Krisen setzt sich fort – und wird härter. Entsprechend liegt der aktuell wahrgenommene Beeinträchtigungsgrad von Lieferketten deutlich über den Erwartungen, die Unternehmen noch 2023 hatten. Resilienz entsteht dabei häufig nicht aus internen Optimierungswünschen, sondern aufgrund externer Faktoren, die Robustheit erzwingen. Dass sich die Logistik in den vergangenen Jahren schnell an Volatilität anpassen konnte, ist eine zentrale Leistung – und ein Hinweis, welches Potenzial in professioneller Netzwerksteuerung steckt.


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Christoph Meyer, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e. V.
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Verschiebung der Triple Transformation: Digitalisierung und Resilienz liegen vorn

Der Transformationskompass ist klar: In der BVL-Studie „Trends und Strategien“ führen Cybersicherheit, Digitalisierung der Geschäftsprozesse und Kostendruck die Rangliste 2025/2026 an. Bemerkenswert ist der gleichzeitige Anstieg der Komplexität: 17 von 21 Trends werden relevanter eingeschätzt als noch 2023. Das heißt, das Management muss mehr Themen parallel beherrschen. Dazu passt, dass sich Prioritäten innerhalb der Triple Transformation verschieben: Digitalisierung (86,1 Prozent hohe/sehr hohe Relevanz) und Resilienz (80,2 Prozent) werden klar höher gewichtet als Nachhaltigkeit (61,4 Prozent). Nicht weil Nachhaltigkeit unwichtig wäre – sondern weil viele Unternehmen zuerst die Stabilität ihrer Wertschöpfung absichern und unter hohem Kostendruck handlungsfähig bleiben müssen.

Kaum Erfahrungen mit KI

Technologisch ist die Branche in Bewegung, aber die Umsetzung steckt in einem Engpass. KI ist dafür das beste Beispiel. Sie ist der größte Schmerzpunkt, also das Feld mit der größten Lücke zwischen Bedeutung eines Trends und der Anpassungsfähigkeit der Unternehmen an diese. In der Top-100-Erhebung der DVV geben zwar alle befragten Logistikdienstleister an, Erfahrung mit KI zu haben (70 Prozent „etwas“, 30 Prozent „eher viel/sehr viel“), doch Datenlandschaften sind heterogen. Nur 18 Prozent arbeiten bereits mit Data-Lake-Konzepten; andernorts müssen Daten für Projekte erst aufwendig zusammengestellt werden. Das macht KI weniger zu einer Tool- als zu einer Daten- und Integrationsfrage.

Parallel verändern sich Handelsbeziehungen. Protektionistische Tendenzen und eine konfrontative Handelspolitik erhöhen Unsicherheit und Kosten. In der Top-100-Befragung berichten 59 Prozent der Dienstleister, ihre Kunden seien durch die US-Zollpolitik „eher stark“ oder „sehr stark“ verunsichert; 20 Prozent erwarten keine Normalisierung mehr. Für Europa bedeutet das: Allianzen und Partnerschaften sind nicht per se Abhängigkeit, sondern Diversifizierung – also ein strategischer Resilienzhebel.

Standort Deutschland: Wettbewerbsfähigkeit unter Druck

Und der Standort Deutschland? Er kann attraktiv sein, doch die Wettbewerbsfähigkeit ist unter Druck. Kosten, Energiepreise, Bürokratie und infrastrukturelle Engpässe wirken unmittelbar in Logistikentscheidungen hinein. Auch eine Konsolidierung nimmt durch den hohen Kostendruck zu und zeigt sich bereits in nationalen wie internationalen Übernahmen. In der BVL-Studie „Trends und Strategien“ bewerten 81,6 Prozent den bürokratischen Aufwand als hoch oder sehr hoch; nur sechs Prozent sehen Logistik und SCM politisch gut vertreten, 60 Prozent fühlen sich nicht angemessen repräsentiert. Bürokratieabbau ist in dieser Perspektive kein Verlust von Ordnung, sondern das Freisetzen von Gestaltungsräumen. Und Geschwindigkeit ist nicht Hektik, sondern die Fähigkeit, Entscheidungen und Umsetzung so zu organisieren, dass Wertschöpfung wieder skalierbar wird. Effizienz ist Ausdruck kluger Ressourcen­nutzung, nicht alleiniger Sparzwang.

Zitierte Studien

von See, B.; Kersten, W.; Schwemmer, M.; Heymann, S. (2026): Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management 2025/2026. Aufbruch im Umbruch: Zukunftsfähig durch digitale, nachhaltige und resiliente Werkschöpfungsketten - eine Studie der Bundesvereinigung Logistik e. V., der TU Hamburg und der Hochschule Heilbronn, Bremen/Hamburg/Heilbronn, 2026.

Download (kostenfrei) via: https://www.bvl-trends.de


Schwemmer, M. (2026): Top 100 der Logistik 2025/2026 – Marktgrößen, Marktsegmente und Marktführer. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Heilbronn und Unterstützung der Bundesvereinigung Logistik e. V. (Hrsg. DVV Media Group), Hamburg, 2026.

Zu beziehen via: https://www.dvvmedia-shop.de

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