Von „Nice to have zum echten Pflichtthema“
Im Gespräch: Sybille Strobl, Veranstalterin des Automatisierungstreffs im WTZ-Tagungszentrum Heilbronn

KI, Cybersecurity, Edge Computing und Retrofit prägen die Automatisierung von morgen. Im Interview ordnet Sybille Strobl ein, welche Trends wirklich relevant sind, wo Unternehmen heute profitieren – und wo nüchterne Realität besser ist als Hype.
Der Automatisierungstreff versteht sich als praxisorientierte Plattform. Welche technologischen Fragestellungen aus dem Maschinen- und Anlagenbau erleben Sie aktuell als besonders drängend bei Anwendern?
Sybille Strobl: Drei Themen werden im Austausch mit Anwendern besonders häufig angesprochen. Das erste ist Cybersecurity – und das hat sich vom Nice-to-have zum echten Pflichtthema entwickelt, seit der Cyber Resilience Act mit konkreten Fristen und Pflichten für Maschinenbauer immer näher rückt. Hier fragen sich viele zu Recht: Was bedeutet das für unsere bestehenden Produkte, was für die nächste Generation? Das zweite Thema ist die Frage, wie man bestehende Maschinen sinnvoll digitalisiert, ohne die komplette Steuerungsarchitektur umbauen zu müssen – also Retrofit, Edge-Anbindung, Daten ziehen, ohne ein Großprojekt daraus zu machen. Und das dritte ist KI: Dass sie kommt, weiß inzwischen jeder. Die eigentliche Frage ist: Wo setzt man konkret an?
Viele Unternehmen stehen unter erheblichem Effizienz- und Kostendruck. Welche konkreten Impulse liefert der Automatisierungstreff Entscheidern, um Investitionen in Automatisierung wirtschaftlich abzusichern?
Sybille Strobl: Unser Ansatz ist bewusst pragmatisch. Wer eine Investition vorbereitet, will nicht nur sehen, dass etwas funktioniert – er will wissen, wie es funktioniert. Genau das wird in einem Workshop möglich: einen ganzen Tag mit der Lösung arbeiten, eigene Fragen stellen, Grenzen ausloten. Das senkt das Risiko spürbar. Wer zum Beispiel im B&R-Workshop eine virtuelle Inbetriebnahme komplett durchspielt oder im Codesys-Workshop sieht, wie KI-gestütztes Engineering den Programmieraufwand reduziert, hat hinterher eine ganz andere Grundlage für seinen Business Case als nach einer Stunde am Messestand. Und auch die unbequemen Themen kommen auf den Tisch: Wie steil ist die Lernkurve fürs Team? Wie groß der Integrationsaufwand? Wie funktioniert der Support wirklich? Solche Fragen kosten nach Vertragsunterschrift gerne mal ein Vielfaches.
Hinzu kommt der direkte Austausch mit den Workshop-Ausrichtern und den Ausstellern im Innovation Café. Gerade kurz vor einer Investitionsentscheidung ist es Gold wert, mit jemandem zu sprechen, der ein vergleichbares Projekt schon realisiert hat und der ehrlich über die Stolpersteine spricht, nicht nur über das Ergebnis.
KI, IIoT und datengetriebene Produktion sind zentrale Schlagworte. Wo sehen Sie heute bereits realen Mehrwert in der industriellen Praxis – und wo ist noch Ernüchterung spürbar?
Sybille Strobl: Wo KI heute wirklich liefert, sind die abgegrenzten, gut umrissenen Probleme: Qualitätsprüfung, Anomalieerkennung, Predictive Maintenance, Engineering-Unterstützung. Das spiegelt sich auch im Workshop-Programm 2026 wider, in dem KI in mehreren Formaten praxisnah erlebbar wird. Bei Codesys geht es um generative KI als „künstlichen Kollegen“ im SPS-Engineering – also beim Schreiben von Codes, beim Aufbereiten von Projektstrukturen, in der Dokumentation und beim Testen, einschließlich der Anbindung über eine MCP-Schnittstelle und dem Einsatz lokaler LLMs. Bei BE.services steht KI im Kontext einer Edge-first-Architektur: KI-basierte Analysen ohne Programmierung, Anomalieerkennung, Machine Vision und Predictive Maintenance direkt an der Maschine. Und auch in der Sensorik zeigt beispielsweise das Unternehmen Baumer, wie intelligente Auswertung inzwischen Teil der Hardware wird, etwa bei smarten 2D-Profilsensoren für Inline-Qualitätsprüfung.
Ernüchterung gibt es vor allem dort, wo man mit der ganz großen Datenstrategie angefangen hat, ohne vorher die Hausaufgaben zu machen, also ohne saubere Daten, ohne durchdachte Konnektivität, ohne klare Verantwortlichkeiten. Viele Projekte scheitern am Ende nicht an der KI, sondern an der Qualität der Daten.
Die Workshops gelten als Herzstück der Veranstaltung. Was unterscheidet diese Formate aus Ihrer Sicht von klassischen Messevorführungen – insbesondere für Entwicklungsleiter und technische Entscheider?
Sybille Strobl: Auf einer Messe steht man vor einem Exponat und bekommt etwas vorgeführt. Meistens schön, meistens kurz, meistens kuratiert. Bei uns ist das anders: Die Teilnehmenden setzen sich selbst an die Hard- und Software, arbeiten mehrere Stunden an realen Aufgaben, und jede Detailfrage geht direkt an die Entwickler der Lösung. Die Gruppen sind bewusst klein gehalten. Dies ermöglicht den Austausch auf Augenhöhe statt Frontalbeschallung. Für einen Entwicklungsleiter heißt das: Er bekommt einen ehrlichen Eindruck davon, wie sich eine Technologie im eigenen Kontext verhalten würde – einschließlich der Stellen, an denen es ruckelt. Und für technische Entscheider heißt es: Sie können ihre Teams gezielt schicken und kriegen strukturiertes Feedback zurück, nicht den x-ten Stapel Messeprospekte.
Im Maschinen- und Anlagenbau treffen OT- und IT-Welten zunehmend aufeinander. Wie trägt der Automatisierungstreff dazu bei, diese beiden Perspektiven konstruktiv zusammenzubringen?
Sybille Strobl: Das Zusammenwachsen von OT und IT zieht sich durchs ganze Programm. Edge-Computing als Brücke zwischen Shopfloor und IT-Systemen, Cybersecurity unter dem CRA, Kommunikationsprotokolle, cloudfreie Maschinendigitalisierung. Aber das eigentlich Spannende ist nicht der Inhalt, sondern was im Format passiert. Wenn ein SPS-Programmierer und ein IT-Verantwortlicher gemeinsam an derselben Aufgabe sitzen, merken beide schnell, dass sie zwar dieselben Wörter benutzen, aber oft Verschiedenes meinen. „Verfügbarkeit“ hat in der OT eine andere Bedeutung als in der IT, „Update“ ebenso. Im gemeinsamen Tun entsteht ein gemeinsames Vokabular – und genau das ist es, was vielen Unternehmen im Alltag fehlt.
Viele mittelständische Unternehmen fragen sich, wie sie Innovationsgeschwindigkeit steigern können. Welche Best Practices oder Denkansätze nehmen Besucher typischerweise vom Automatisierungstreff mit?
Sybille Strobl: Drei Sätze hören wir immer wieder von Teilnehmenden, die nach Hause fahren. Erstens: Klein anfangen, schnell testen, ehrlich auswerten – statt das große Digitalisierungsprogramm zu planen, das am Ende drei Jahre braucht und niemand mehr versteht. Zweitens: Bestehendes nutzen, nicht alles neu bauen. No-Code- und Low-Code-Ansätze, smarte Retrofit-Lösungen – da steckt heute mehr drin, als viele denken. Man muss nicht für jedes Problem eine eigene Software schreiben. Drittens, und das ist gerade für den Mittelstand wichtig: sich bei Innovation nicht auf den einzelnen Spezialisten konzentrieren. Die Ressourcen für eigene KI- oder Datenteams haben die wenigsten – also lieber auf Werkzeuge setzen, die vorhandene Mitarbeiter befähigen. Engineering-Assistenten, parametrierbare Edge-Lösungen, vorkonfigurierte Bausteine. Wer Innovation breit in der Belegschaft verankert, kommt schneller voran als der, der auf den einen Champion wartet.
Welche technologischen oder organisatorischen Entwicklungen werden aus Ihrer Sicht den Automatisierungstreff – und die Branche – in den nächsten Jahren maßgeblich prägen?
Sybille Strobl: Ganz vorne steht die KI, die den Sprung vom Assistenten zum eigenständig handelnden Agenten macht und somit nicht mehr nur ein System darstellt, das Vorschläge macht, sondern Engineering-, Service- und Optimierungsaufgaben in Teilen selbst übernimmt. Damit rückt automatisch ein zweites Thema nach vorne, das vorher gerne als Add-on behandelt wurde – Cybersecurity. Je mehr Intelligenz und Vernetzung in den Maschinen steckt, desto weniger ist Sicherheit verhandelbar, sie wird zur Grundvoraussetzung. Und drittens die Edge-Architekturen: Sie sorgen dafür, dass diese Intelligenz dort ankommt, wo sie hingehört – nämlich an der Maschine.
Organisatorisch glaube ich allerdings, dass am Ende die Frage nach Kompetenzen und Fachkräften alles andere überlagern wird. Technologien gibt es – fehlende Köpfe lassen sich nicht so leicht beschaffen. Damit bekommen Veranstaltungen wie der Automatisierungstreff eine zusätzliche Rolle: als kompakter, praxisnaher Weiterbildungsort in einem Umfeld, in dem Zeit ohnehin knapp ist.
Was ist Ihr persönliches Highlight des Automatisierungstreffs?
Sybille Strobl: Ehrlich gesagt sind es weniger einzelne Technologien als bestimmte Momente. Wenn zum Beispiel Teilnehmende nach einem Workshop mit leuchtenden Augen aus dem Raum kommen, weil sie endlich eine Lösung für ihr Problem gefunden haben, das sie seit Monaten mit sich herumtragen. Oder wenn ein Entwicklungsleiter mit einem Workshop-Leiter eine Stunde nach offiziellem Ende immer noch über eine Detailfrage diskutiert, weil beide einfach Spaß an der Sache haben. Das sind die Momente, die diese Veranstaltung ausmachen.
Diese Mischung aus konzentrierter Praxis im Workshop und entspanntem, ungezwungenem Austausch im Innovation Café gibt es so kaum noch in unserer Branche. Auf ihr beruht der Charakter des Treffs seit über 20 Jahren – und genau das werden wir auch 2026 wieder erleben.













