13.07.2026 • Fachbeiträge

Plattform-Ökosysteme oder Best-of-Breed-Lösungen?

Welche Automationsarchitektur sichert langfristig Wettbewerbsfähigkeit?

Offenheit statt entweder…oder: Die Automatisierung setzt zunehmend auf flexible, interoperable Architekturen. Welche Automationsarchitektur langfristig Wettbewerbsfähigkeit sichert, zeigen unsere Experten-Statements – und warum die intelligente Verbindung von Plattform und Spezialisierung zum Schlüssel wird.

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Philipp Zuber

Head of Product Management bei Binder

Die Frage nach der richtigen Automatisierungsarchitektur stellt sich heute anders als noch vor zehn Jahren. Steigende Komplexität, kürzere Innovationszyklen und der Druck zur schnellen Inbetriebnahme zwingen Maschinenbauer zum Umdenken – weg von starren, zentralisierten Lösungen, hin zu modularen, dezent ralen Architekturen. Konzepte wie One-Cable-Automation zeigen exemplarisch, wohin die Reise geht: Eine einheitliche Verkabelung reduziert Komplexität, senkt den Installationsaufwand und schafft die Voraussetzung für echte Dezentralisierung. Bei Binder treiben wir genau diese Entwicklung voran - mit hybriden Steckverbindern wie dem B23, der Leistung und Ethernet-Daten in einer einzigen Verbindung vereint, oder dem PBC15, der Power und Signalübertragung für die Antriebstechnik auf engstem Raum kombiniert. Beide stehen für unsere Überzeugung: Weniger Kabel, mehr Flexibilität, schnellere Inbetriebnahme. Aus meiner Sicht setzen sich Plattform-Ökosysteme gegenüber reinen Best-of-Breed-Ansätzen langfristig durch – nicht weil sie jede Einzeldisziplin dominieren, sondern weil sie Interoperabilität, Skalierbarkeit und Zukunftssicherheit aus einer Hand bieten. Die Verbindungstechnik ist dabei kein Nebenschauplatz, sie ist die Grundlage, auf der offene, erweiterbare Systeme erst funktionieren.

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Steffen Winkler

Vertriebsleitung Business Unit Automation & Electrification Solutions bei Bosch Rexroth

Die Antwort liegt nicht in einem „Entweder-oder“, sondern in der intelligenten Verbindung beider Ansätze. Maschinen- und Anlagenbauer stehen heute vor der Herausforderung, Innovationen schneller umzusetzen, gleichzeitig Komplexität zu beherrschen und flexibel auf neue Anforderungen zu reagieren. Dafür benötigen sie eine offene und skalierbare Basis ebenso wie die Möglichkeit, spezialisierte Technologien bedarfsgerecht einzubinden. Plattform-Ökosysteme schaffen die Grundlage für effizientes Engineering, durchgängige Datenflüsse und eine hohe Wiederverwendbarkeit. Best-of-Breed-Lösungen ergänzen diese Basis um spezifisches Know-how, beispielsweise für Motion Control, Kommunikation, Datenanalyse oder Security. Erfolgsent scheidend ist die Offenheit der Architektur für beide Welten. Genau diesen Ansatz verfolgt Bosch Rexroth mit ctrlX Automation. Die offene Automatisierungsplattform definiert den Standard für moderne Automatisierung. Mit leistungsstarker Hardware, flexibler Software und offener App-Welt entsteht ein System, das sich nahtlos in jede Infrastruktur integriert. Über das Linux-basierte Betriebssystem ctrlX OS und den ctrlX OS Store können Unternehmen Anwendungen und Funktionen flexibel aufbauen und ihr Automatisierungssystem kontinuierlich erweitern. Durch die Partnerwelt ctrlX World ergänzen außerdem Partner das Lösungsangebot um Hardware und Apps. Der vermeintliche Gegensatz zwischen Plattform-Ökosystemen und Best of-Breed-Lösungen verliert aus unserer Sicht zunehmend an Bedeutung. Gefragt sind offene Automatisierungsarchitekturen, die Standardisierung dort ermöglichen, wo sie Effizienz schafft, und gleichzeitig Raum für Spezialisierung lassen. Genau diese Balance entscheidet darüber, wie schnell Unternehmen auf neue Anforderungen reagieren können.

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Pirmin Lickert

Portfolio Manager Innovation & Digitalization bei Endress+Hauser

Die Frage nach der richtigen Automationsarchitektur lässt sich in der industriellen Praxis selten als Entweder-oder beantworten. In vielen Anlagen treffen gewachsene Infrastrukturen, unterschied liche Feldgeräte, digitale Anwendungen und spezialisierte Lösungen aufeinander. Wettbewerbsfähig bleibt, wer diese Vielfalt nicht verein heitlichen muss, sondern nutzbar verbinden kann. Genau hier setzen offene IIoT-Ökosysteme an. Sie schaffen einen digitalen Rahmen, in dem Daten aus der installierten Basis strukturiert verfügbar werden und für Betrieb, Wartung und Optimierung genutzt werden können. Mit Netilion verfolgt Endress+Hauser diesen Ansatz für die Prozessindustrie: Das cloudbasierte Industrial-IoT-Ökosystem verbindet die physische mit der digitalen Welt und schafft Transparenz über Assets, unabhängig von Gerätetyp oder Hersteller. Damit wird aus vorhande nen Feldinformationen konkreter Nutzen. Betreiber können Anlagen daten strukturieren, auf Dokumentation zugreifen, Messstellen monito ren oder den Gerätezustand bewerten. Services wie Netilion Analytics, Library, Value und Health unterstützen diese Aufgaben und helfen, Informationen aus dem Feld schneller in belastbare Entscheidungen zu überführen. Langfristig sichern daher nicht einzelne Architekturentscheidungen die Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Anschlussfä higkeit der gesamten Automatisierungslandschaft. Plattformvorteile und spezialisierte Lösungen spielen ihre Stärke besonders dann aus, wenn sie offen zusammengedacht werden.

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Alexander Mühlens

Prokurist und Leiter Geschäftsbereich Low-Cost-Automation bei Igus

Geschlossene Plattformen ermöglichen zwar eine schnelle Inte gration, führen jedoch oft zu einer Abhängigkeit vom Anbie ter (Lock-in) und dessen technologischer Roadmap – im schnell lebigen KI- und Robotikumfeld ein strukturelles Risiko. Ein reiner Best-of-Breed-Ansatz bietet die beste Einzelkomponente, verlagert den Integrationsaufwand und das Risiko jedoch vollständig an den Anwender. Das kostet Zeit und Ressourcen, bremst den schnellen produktiven Einsatz und verlangsamt die Time-to-Market. Tragfähig ist daher eine dritte Option: ein offenes Plattform-Ökosystem, das Best-of-Breed überhaupt erst praktikabel macht. Das Vorbild ist das Betriebssystem, nicht der Vollanbieter. Der entscheidende Wettbe werbsvorteil liegt nicht in proprietärer Hardware, sondern in offenen Schnittstellen und Standards. Genau diesen Ansatz verfolgen wir bei Igus mit RBTX: Der Anwender kann die für seine Anwendung bes ten Komponenten kombinieren, aber die Plattform übernimmt das Integrationsrisiko. Durch vorvalidierte modulare Bausteine, Stan dards und unser Integratoren-Netzwerk ermöglichen wir flexible und skalierbare Automationslösungen mit deutlich verkürzter Time-to Market. Langfristig setzen sich offene Ökosysteme durch. Denn wer auf Offenheit setzt, sichert sich die notwendige Anpassungsfähigkeit in einem sich schnell wandelnden Markt. 

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Michael Gutmann

Strategischer Produktmanager Kemro X bei Keba

Maschinen- und Anlagenbauer stehen heute unter massivem Innovations- und Kostendruck. Kunden erwarten kurze Lieferzeiten, hohe Variantenvielfalt, schnelle Inbetriebnahme, digitale Zusatzfunktionen und zukunftssichere, modular erweiterbare Maschinen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Softwarequalität und Lifecycle-Management erheblich. In diesem Spannungsfeld gewinnt die Wahl der richtigen Automatisierungsarchitektur eine strategische Bedeutung. Für unsere Kunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau zeigt sich in der Praxis zunehmend: Der Plattformansatz bietet klare Wettbewerbsvorteile entlang des gesamten Maschinenlebenszyklus. Die Kemro X Plattform ist speziell für die Bedürfnisse von OEMs konzipiert. Sie versteht sich weniger als Produkt, sondern mehr als durchgängiger modularer Baukasten für Maschinenkonzepte. Eine offene Plattformlösung für unterschiedliche Maschinentypen anstatt fragmentierter Systemlandschaften mit einzelnen Komponenten ver schiedener Hersteller. Ein typischer Maschinen- bzw. Anlagenbauer entwickelt mehrere Maschinenvarianten für unterschiedliche Kundenanforderungen und das oft in kurzen Projektzyklen. Einer der größten Kostentreiber ist dabei nicht immer die Hardware, sondern vor allem oft das Engineering, die Wartung und der Know-How-Aufbau. Mit einer integrierten Plattform wie Kebas Kemro X ergeben sich klare Effizienzgewinne durch die Wiederverwendbarkeit von Software, eine einheitliche Entwicklungsumgebung und schnellere Inbetriebnahme durch bereits bestehende und getestete Software Module bzw. fertige Branchenlösungen. Beim Best-of-Breed-Ansatz müssen Maschinen- und Anlagenbauer oft verschiedene Engineering Tools parallel nutzen, Schnittstellen individuell programmieren und Integrationstests aufwendig durchführen. Das führt häufig zu einem höherem Fehlerrisiko und Zeitverlusten, die im Wettbewerb kritisch sind wie zum Beispiel bei der Abstimmung zwischen Lieferanten, Kommunikationsprobleme zwischen Systemen und häufigere Software-Updates durch CRA Vorgaben.

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Dominik Wolters

Head of Innovation and Product bei Neugart

Die Diskussion ‚Plattform-Ökosystem versus Best-of-Breed‘ wird häufig als Entweder-oder-Frage geführt. Aus meiner Sicht liegt die Zukunft jedoch in einer intelligenten Kombination beider Ansätze. Plattformen bieten entscheidende Vorteile hinsichtlich Integrationsaufwand, Skalierbarkeit und Time-to-Market. Gerade angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels und der steigenden Komplexität moderner Automatisierungslösungen gewinnen standardisierte Ökosysteme weiter an Bedeutung. Gleichzeitig entstehen Innovationen häufig dort, wo spezialisierte Technologien und hochoptimierte Einzelkomponenten zum Einsatz kommen. Unternehmen, die sich ausschließlich an ein geschlossenes Ökosystem binden, laufen Gefahr, technologische Entwicklungen außerhalb ihrer Plattform zu verpassen. Entscheidend ist daher eine offene, modulare Architektur. Sie ermöglicht die Effizienz und Sicherheit eines Plattformansatzes, ohne die Innovationskraft von Best-of-Breed-Lösungen einzuschränken. Für Maschinen- und Anlagenbauer wird künftig nicht die Frage sein, ob sie auf Plattformen oder Best-of-Breed setzen, sondern wie flexibel sie beide Welten miteinander verbinden können.

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Xaver Schmidt

Vorstandsvorsitzender PI (Profibus & Profinet International)

Die Diskussion „Plattform-Ökosystem versus Best-of-Breed“ greift aus Sicht der industriellen Automatisierung zu kurz. Erfolgreich sind heute Architekturen, die beides sinnvoll verbinden: offene, inter operable Komponenten in einem skalierbaren Gesamtsystem. Gerade im Maschinen- und Anlagenbau sind Flexibilität, Investitionsschutz und die Fähigkeit zur schrittweisen Weiterentwicklung entscheidend. Monolithische Plattformansätze stoßen hier schnell an Grenzen, da sie die Vielfalt realer Anforderungen nur begrenzt abbilden können. Gleichzeitig reicht ein reines Best-of-Breed ohne Integrationsbasis nicht aus. Die industrielle Praxis zeigt das deutlich: Produktionslinien, die zunächst effizient implementiert wurden, geraten bei Erweiterungen schnell an Grenzen – etwa wenn zusätzliche Bildverarbeitung integriert werden soll und Schnittstellen fehlen. Maschinenbauer stehen vor Herausforderungen, wenn internationale Kunden spezifische Komponenten einfordern, die sich in einer Plattformarchitektur nicht integrieren lassen. Und in Brownfield-Anlagen scheitert die Weiterentwicklung häufig daran, dass bestehende Systeme nicht offen anschlussfähig sind. Der Schlüssel liegt daher in offenen Standards und einem starken Ecosystem: Sie ermöglichen herstellerübergreifende Interoperabilität, modulare Erweiterbarkeit und langfristige Verfügbarkeit von Lösungen. Technologien wie Profinet und IO-Link zeigen, wie durch Standardisierung, Profile und Zertifizierung ein leistungsfähiges, globales Multi-Vendor-Umfeld entsteht. Zukunfts fähige Automationsarchitekturen sind daher weder strikt plattform getrieben noch rein fragmentiert, sondern kombinieren Offenheit mit Integration. Entscheidend ist nicht die Wahl eines „Systems“, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Technologien sinnvoll zu integrieren – vom Feldgerät bis in die IT. Wettbewerbsfähigkeit entsteht damit nicht durch Plattformbindung, sondern durch Offenheit und die Freiheit, jeweils die beste Lösung einsetzen zu können – ohne Integrationsbrüche.

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