09.10.2026 • Fachbeiträge

Moderate Trendwende in der Bildverarbeitung

Interview mit VDMA-Machine-Vision-Vorstand Daniel Seiler zu Marktlage, Physical AI und Wettbewerbsfähigkeit

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© AT Sensors

Nach drei Jahren rückläufiger Umsätze zeichnet sich für die europäische Machine-Vision-Industrie eine moderate Erholung ab. Zugleich erhöhen internationaler Wettbewerb, KI-basierte Automation, neue Sicherheitsanforderungen und der Bedarf an interoperablen Lösungen den Transformationsdruck. Die Vision 2026 spielt hier eine wichtige Rolle, erläutert Daniel Seiler, als zentraler Treffpunkt für Technologien, Anwendungen und den Austausch innerhalb der Branche.

inspect: Wie fällt Ihre Bestandsaufnahme zur aktuellen Lage der deutschen und europäischen Machine-Vision-Industrie aus

Daniel Seiler: Die europäische Machine-Vision-Industrie blickt auf drei Jahre mit rückläufigen Umsätzen zurück. Für 2026 erwarten wir eine vorsichtige Trendwende, wenn auch keinen automatischen Aufschwung. Der VDMA-Forecast, den wir im April für 2026 abgaben, sieht ein moderates Umsatzwachstum von 3 Prozent in unserer Branche vor. Bei den Auftragseingängen der Komponenten sehen wir positive Signale, wenn auch Auftragseingang und Umsatz etwas auseinanderlaufen und beim Systemgeschäft noch kein positiver Trend zu sehen ist. Da die globale geopolitische Unsicherheit weiterhin hoch ist und vor allem in Deutschland Investitionen und Nachfrage weiter zurückhalten sind, würde ich von einer beginnenden, wenn auch fragilen Trendwende sprechen.

Welche Entwicklung sehen Sie im internationalen Wettbewerb, insbesondere mit Blick auf Anbieter aus Asien und Nordamerika?

Aus Asien wächst der Wettbewerbsdruck heute nicht nur bei den Kosten, sondern auch bei Geschwindigkeit, Qualität und technologischer Leistungsfähigkeit. Die Vorstellung, asiatische Anbieter seien ausschließlich im unteren Preissegment relevant, ist überholt. Im VDMA beschäftigen wir uns in der aktuellen Vorstandsperiode auf allen Ebenen sehr intensiv mit der Frage nach der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Aus Nordamerika kommt eine andere Form des Wettbewerbs auf uns zu: Unternehmen wie Google und Microsoft beeinflussen zunehmend die Plattformen, Werkzeuge und Ökosysteme, auf denen künftige Lösungen entstehen. Im Vorstand sehen wir das aber auch als Chance: Diese Plattformen können etablierten europäischen Machine-Vision-Unternehmen neue Reichweite, leistungsfähige Werkzeuge und Zugang zu Anwendungen bieten, die ein einzelnes mittelständisches Unternehmen allein kaum erschließen könnte.

Was muss Deutschland tun, um führend zu bleiben beziehungsweise wieder zu werden?

Beim VDMA European Robotics and Automation Summit im Herbst 2025 in Bologna haben wir gemeinsam mit Unternehmen aus der gesamten Robotik und Automation unsere Wettbewerbsfähigkeit analysiert. Daraus sind konkrete Handlungsfelder entstanden. Zum Beispiel brauchen wir mehr Kundenzentrierung, schnellere Entscheidungen und die Bereitschaft, mit Partnern Lösungen aufzubauen. Im Frühjahr haben wir diesen Prozess in Frankfurt fortgesetzt. Dort ging es gezielt um Geschwindigkeit, um KI als Produktivitätshebel sowie um ein verändertes unternehmerisches Mindset.

Welche technologischen Trends werden die Branche prägen?

Die Bildverarbeitung ist seit jeher eine technologisch sehr innovative Branche. Deshalb ist selten ein Trend für uns wirklich neu – KI und Deep Learning werden beispielsweise seit Jahren eingesetzt. KI wird trotzdem die größte Breitenwirkung entfalten, weil sie nicht nur die Bildauswertung verändert, sondern auch die Entwicklung, Inbetriebnahme und Bedienung. In Verbindung mit Robotik wird Bildverarbeitung zu Physical AI: Systeme können nicht nur sehen, sondern Wahrnehmung unmittelbar in Aktionen übersetzen. Embedded Vision bringt Intelligenz näher an den Sensor und an den Prozess. 3D ist längst etabliert, erhält aber durch flexible Robotik und Physical AI zusätzlichen Schub. Für Greifen, Navigation, Vermessung und Qualitätsprüfung wird eine dreidimensionale Wahrnehmung immer häufiger zum Standardbestandteil der Lösung. Spektrale Verfahren sind ein immer noch unterschätzter Bereich, weil sie Anwendungen erschließen, bei denen nicht nur Form und Farbe, sondern auch Materialeigenschaften erkannt werden müssen. 

Der Wandel liegt weniger darin, dass völlig neue Technologien entstehen. Entscheidend ist vielmehr, dass Rechenleistung, Sensorik und Software heute eine neue Reife und Skalierbarkeit erreichen.

Wo besteht aus Verbandssicht der größte Handlungsbedarf?

Die Branche verfügt über viele hervorragende Technologien. Zu oft entstehen daraus aber noch Einzellösungen mit hohem Integrationsaufwand. Wir benötigen deshalb einheitliche Schnittstellen, Datenmodelle und Standards über Hersteller- und Systemgrenzen hinweg. Das ist besonders wichtig, wenn Machine Vision stärker mit Robotik, KI-Plattformen und Produktions-IT zusammenwächst.

Standardisierung gehört seit langem zu den Kernaufgaben von VDMA Machine Vision. Wir arbeiten unter anderem an etablierten Standards wie OPC UA for Machine Vision oder mit RoX an der Verbindung zu neuen industriellen Robotik-Ökosystemen.

EU AI Act, Maschinenverordnung und Cyber Resilience Act: Welche regulatorischen Themen beschäftigen den Fachverband aktuell am intensivsten?

Unsere Mitglieder befassen sich aktuell mit mehreren Regelwerken gleichzeitig. Der Cyber Resilience Act betrifft dabei praktisch jeden Hersteller unserer Branche und wird für viele Unternehmen zusätzliche Anforderungen mit sich bringen. Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen ist das eine anspruchsvolle Aufgabe.

Aber vielleicht können wir es auch als Vorteil sehen: Vernetzte Sensoren und Software-Systeme werden Bestandteil kritischer Produktionsprozesse. Kunden müssen darauf vertrauen können, dass diese Produkte sicher entwickelt und gepflegt werden. Genau darin liegt eine Chance für europäische Anbieter: Wir können Security-by-Design. 

Fachkräftemangel und Ausbildung sind Dauerbrenner. Inwiefern unterstützt der Fachverband die Mitglieder hier?

Machine Vision verbindet Optik, Elektronik, Software, KI und Automatisierung. Diese Kombination ist technologisch ausgesprochen attraktiv, wird außerhalb unserer Branche aber nicht immer deutlich wahrgenommen. Wir wollen zeigen, dass Machine Vision nicht nur aus Kameras besteht, sondern eine Schlüsseltechnologie für intelligente Produktion und neue Anwendungen ist.

Auf der Vision 2026 wird zum Beispiel ein Hackathon stattfinden, den der VDMA zusammen mit der Messe Stuttgart gestaltet. Teilnehmer von verschiedenen Hochschulen können sich dort unmittelbar mit einer konkreten Bildverarbeitungsaufgabe auseinandersetzen und erleben, wie interdisziplinär und praxisnah unsere Technologie ist.

Wo gibt es hinsichtlich Fachkräften Fortschritte, wo Probleme?

Machine Vision wird sichtbarer und für junge Menschen leichter als Zukunftstechnologie erkennbar. Gleichzeitig konkurrieren unsere oft kleineren Mitgliedsunternehmen um Fachkräfte mit großen Firmen und zahlreichen anderen Branchen.

Welche Vorhaben stehen für die Fachabteilung Machine Vision in den kommenden zwölf Monaten ganz oben auf der Agenda?

In den kommenden Monaten stehen zunächst drei konkrete Themen im Vordergrund:

Erstens nutzen wir die Vision 2026, um Technologien, Anwendungen und europäische Kompetenz sichtbar zu machen. Zweitens überführen wir die Ergebnisse zur Wettbewerbsfähigkeit aus unseren Workshops in konkrete Aktivitäten und setzen den Austausch innerhalb der gesamten Robotik und Automation fort. Drittens begleiten wir Cyber Resilience Act und EU AI Act praxisnah.

Anbieter

AT Sensors

Hermann-Bössow-Str. 6-8
23843 Bad Oldesloe
Deutschland

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