13.10.2026 • Fachbeiträge

80 Jahre Positioniertechnik aus Wetzlar

Im Interview erläutert Geschäftsführer Andreas Löhr, warum Fertigungstiefe, anwendungsspezifische Lösungen und eine stärkere internationale Präsenz die weitere Entwicklung bestimmen werden

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Andreas Löhr, Geschäftsführer von Märzhäuser.
© Märzhäuser

Als mittelständischer Hersteller verbindet Märzhäuser jahrzehntelange Erfahrung in der Präzisionsmechanik mit Steuerungstechnik, Software und Robotik. Im Interview erläutert Geschäftsführer Andreas Löhr, warum Fertigungstiefe, anwendungsspezifische Lösungen und eine stärkere internationale Präsenz die weitere Entwicklung bestimmen werden. Er betont aber auch, dass sich Manches nie ändern wird.

inspect: Märzhäuser ist vielen in der Bildverarbeitung und optischen Messtechnik vielleicht noch kein Begriff, obwohl das Unternehmen seit Jahrzehnten am Markt ist. Wie würden Sie Märzhäuser jemandem vorstellen?

Andreas Löhr: Wir zählen sicherlich zu den klassischen Hidden Champions des deutschen Mittelstands, wobei wir es als unsere Aufgabe sehen, das „Hidden“ künftig zu streichen. Mit dem „Champion“ können wir uns schon heute gut identifizieren.

Märzhäuser ist ein ganzheitlicher Hersteller von Positioniersystemen. Eine unserer großen Stärken ist unsere sehr hohe Fertigungstiefe: Von der Entwicklung über die mechanische Fertigung und Montage bis hin zu Qualifizierung und Logistik bilden wir die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Haus ab.

Unsere Lösungen kommen vor allem dort zum Einsatz, wo höchste Präzision und Zuverlässigkeit gefragt sind, insbesondere in der optischen Industrie, der Mikroskopie sowie in der Materialanalyse und Messtechnik, um nur ein paar zu nennen.

Das Unternehmen wurde 1946 gegründet und ist bis heute familiengeführt. Was sind die Meilensteine in der 80-jährigen Unternehmensgeschichte?

Ich glaube, zunächst ist wichtig zu erwähnen, dass wir uns in vielen Dingen treu geblieben sind. Seit 80 Jahren verfolgen wir eine gesunde und kontinuierliche Wachstumsstrategie. Unser Spirit und unsere Werte haben sich natürlich mit der Zeit weiterentwickelt, gleichzeitig haben wir tatsächlich noch Produkte im Programm, deren Ursprung mittlerweile rund 50 Jahre zurückliegt.

Wichtige technologische Meilensteine waren sicherlich die Elektrifizierung unserer Positioniersysteme in den 70er Jahren, bei der Märzhäuser früh eine Vorreiterrolle eingenommen hat, sowie die Entwicklung eigener Steuerungen und der dazugehörigen Software ab den 2000er-Jahren.

Ein weiterer großer Schritt war ab 2014 der Einstieg in die Automatisierung und Robotik. Was damals ein neues Geschäftsfeld für uns war, trägt heute einen wesentlichen Teil zu unserem Umsatz bei. Und die nächsten technologischen Meilensteine sind bereits in Entwicklung.

Wie ist das Unternehmen heute aufgestellt?

Getreu dem Motto „Aus Wetzlar in die Welt“ setzen wir konsequent auf unseren Standort in Wetzlar und werden diesen im kommenden Jahr weiter ausbauen. Die Erweiterung unseres bestehenden Firmengebäudes um weitere 3.600 m² ist bereits in finaler Planung. Gemeinsam mit unserer Tochtergesellschaft Märzhäuser Sensotech beschäftigen wir rund 230 Mitarbeiter in 15 Fachabteilungen. Die bereits angesprochene hohe Fertigungstiefe macht uns unabhängig, schnell und flexibel. Sie ermöglicht es uns, auch komplexe und kundenspezifische Anforderungen umzusetzen und gleichzeitig Qualität und Präzision über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg selbst in der Hand zu behalten.

Welche Bedeutung hat der Standort Wetzlar für Märzhäuser?

Wetzlar ist einer der wichtigsten Optikstandorte in Deutschland und bietet uns damit ein Umfeld, das hervorragend zu Märzhäuser passt. Über Jahrzehnte ist hier ein starkes Netzwerk aus Unternehmen, spezialisierten Zulieferern und entsprechendem Know-how entstanden, gerade auch in der Feinmechanik und Präzisionstechnik. Für uns bedeutet das kurze Wege und viel Expertise direkt vor der Haustür. Wir haben wichtige Kunden in unmittelbarer Nähe, gleichzeitig aber auch langjährige Lieferantenbeziehungen in der Region. Hinzu kommt der regelmäßige Austausch mit Unternehmen, die vor ähnlichen technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen stehen. Von diesem Netzwerk und dem gegenseitigen Austausch profitieren wir sehr. Nicht zuletzt ist die Region mit ihren Hochschulen, Fachschulen und Ausbildungsmöglichkeiten sehr gut aufgestellt. Davon profitieren wir auch bei der Gewinnung qualifizierter Fach- und Nachwuchskräfte. In Zeiten des viel diskutierten Fachkräftemangels ist das für uns ein echter Standortvorteil.

Sie haben zwei neue Positioniersysteme in der Pipeline, die sich von Ihrem übrigen Portfolio unterscheiden. Können Sie das noch ausführen?

Zum einen haben wir unser klassisches XY-Positioniersystem noch einmal völlig neu gedacht. Die Vorgabe der Geschäftsleitung an unsere Entwicklung war bewusst ambitioniert: Wir wollten eine neue Plattform, die technisch mehr leistet und gleichzeitig weniger kostet. Was zunächst wie ein Zielkonflikt klang, konnten wir tatsächlich umsetzen. Damit schaffen wir für unsere Kunden einen deutlichen Mehrwert und stärken gleichzeitig unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Zum anderen haben wir mit Malis eine neue XYZ-Plattform speziell für Anwendungen im Bereich Neuroscience entwickelt. Eine technische Besonderheit sind zwei synchron angesteuerte Z-Achsen, die eine präzise vertikale Positionierung ermöglichen. Das System wurde bereits erfolgreich von ersten Kunden evaluiert und bestätigt damit auch in der Praxis unser technisches Konzept.

Beide Entwicklungen zeigen für mich sehr gut, wie wir heute an neue Produkte herangehen: bestehende Lösungen konsequent hinterfragen und gleichzeitig neue Anwendungsfelder erschließen.

Wo sehen Sie Märzhäuser in den kommenden Jahren – auch mit Blick auf internationale Märkte wie Nordamerika?

Die Märkte sind deutlich dynamischer und schnelllebiger geworden. Für uns bedeutet das, dass wir uns kontinuierlich weiterentwickeln müssen. Technologisch, aber auch in unserer internationalen Aufstellung.

Gerade in Nordamerika sehen wir uns im Vergleich zu anderen Regionen heute noch unterrepräsentiert. Das wollen wir ändern. Wir suchen gezielt nach weiteren Partnern und werden unsere Präsenz vor Ort erhöhen. Ein wichtiger Schritt ist dabei unsere erstmalige Teilnahme als Aussteller auf der SPIE Photonics West in San Francisco.

Gleichzeitig sehen wir auch in anderen internationalen Märkten interessante Wachstumspotenziale. Insbesondere aus Südamerika und Indien nehmen wir positive Signale wahr und wollen unser Engagement dort in den kommenden Jahren gezielt ausbauen.

Welche derzeitigen technologischen Trends sehen Sie derzeit als am relevantesten für Ihr Geschäft an?

Zum einen verändert sich, wie gesagt, die Nutzergruppe unserer Systeme. Wichtiger werden Usability, Automatisierung und eine möglichst einfache Integration unserer Systeme. Gefragt sind zudem zunehmend kundenspezifische, „tailor-made“ Lösungen, die sich nahtlos in übergeordnete Maschinen- und Automatisierungssysteme integrieren lassen.

Technologisch bedeutet das für uns, flexibel und breit aufgestellt zu sein. Wir müssen nicht nur die eigentliche Positionieraufgabe verstehen, sondern die Anwendung des Kunden als Ganzes betrachten, von der Mechanik und dem Antrieb über Steuerung und Software bis hin zur Integration weiterer Komponenten.

Den einen technologischen Trend gibt es aus meiner Sicht in dieser schnelllebigen Zeit nicht mehr. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, neue Technologien schnell aufzugreifen und daraus für den Kunden eine funktionierende Gesamtlösung zu entwickeln. Genau dafür sehen wir uns sehr gut aufgestellt.

Welche Produktgruppen und Leistungen umfasst Ihr heutiges Portfolio?

Wenn es um Positionierung geht, nehmen wir nahezu jede Herausforderung an. Entsprechend breit ist unser Portfolio: Aktuell haben wir rund 2.500 aktive Verkaufsbaugruppen im Programm. Das Spektrum reicht vom Mikroskoptisch zur XY-Probenpositionierung bis hin zu komplexen mehrachsigen Handlingsystemen für automatisierte Prozesse.

Dabei arbeiten wir mit allen gängigen Antriebstechnologien. Wir entwickeln filigrane Mikropositionierer ebenso wie hochpräzise und stabile Systeme für die Härteprüfung, die mit bis zu 300 Kilogramm belastet werden können. Gerade diese Bandbreite zeichnet uns aus. Und das alles aus einer Hand auf Wunsch als komplette Plug-and-play-Lösung out of the Box. Vereinfacht gesagt: Wenn eine Positionieraufgabe technisch lösbar ist und die Physik uns dabei keine Grenzen setzt, sind wir der richtige Ansprechpartner.

In welchen Branchen sind Ihre Kunden im Wesentlichen aktiv?

Historisch kommen wir aus der Mikroskopie, die für uns auch heute noch ein wichtiger Markt ist. Gleichzeitig sehen wir eine deutliche Verlagerung und Erweiterung in Richtung Photonik, Halbleiterindustrie sowie Prozessautomatisierung. Damit verändert sich auch unsere Rolle beim Kunden. Wir liefern zunehmend nicht mehr nur einzelne Positioniersysteme, sondern entwickeln uns zum Systemanbieter. Das bedeutet, dass wir beispielsweise Optiken, Sensorik und weitere Peripherie integrieren und daraus kundenspezifische, anschlussfertige Gesamtlösungen entwickeln. Unsere Kernkompetenz bleibt dabei immer die Positionierung, nur der Umfang dessen, was wir unseren Kunden darum herum anbieten, wird zunehmend größer.

Was unterscheidet Märzhäuser technisch von anderen Anbietern von Positionier- und Automatisierungslösungen?

Wir probieren immer wieder Neues aus und sind auch bereit, technologisch ins Risiko zu gehen. Was uns am Ende aber besonders auszeichnet, ist die Kombination aus jahrzehntelanger Erfahrung und der enormen Vielfalt an Lösungen, die wir bereits umgesetzt haben. Nach 80 Jahren Positioniertechnik haben wir wahrscheinlich fast jede Herausforderung schon einmal in irgendeiner Form gesehen. Was für einen Kunden zunächst wie eine komplette „Grüne-Wiese-Anforderung“ aussieht, ist für uns deshalb häufig eine neue Kombination aus Technologien, Konzepten und Erfahrungen, die wir bereits beherrschen. Genau das ermöglicht es uns, auch bei komplexen Aufgabenstellungen sehr schnell von einer Idee zu einer technisch belastbaren Lösung zu kommen.

Welche Rolle spielen Themen wie Automatisierung und Reproduzierbarkeit in Ihren Systemen? 

Reproduzierbarkeit ist für uns ein zentrales Thema, unabhängig davon, ob wir ein Einzelstück oder eine Serie von 1.000 Systemen fertigen. Gerade bei automatisierten Mess- und Prüfprozessen müssen Positionen und Abläufe zuverlässig und mit hoher Genauigkeit wiederholbar sein. Mit dem zunehmenden Einsatz KI-basierter Auswertungen gewinnt das zusätzlich an Bedeutung, denn verlässliche Ergebnisse benötigen eine ebenso verlässliche und reproduzierbare Datengrundlage.

Gleichzeitig hat sich der Anwender unserer Produkte in den vergangenen Jahren stark verändert. Er möchte sich immer weniger mit der Technik im Hintergrund beschäftigen und das System soll seine Aufgabe möglichst selbstständig, zuverlässig und einfach erfüllen. Darauf reagieren wir mit einem immer höheren Automatisierungsgrad.

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