„Wir wollen Indiens Bildverarbeitungsindustrie vereinen“
17.03.2025 - Interview mit Raghava Kashyapa, Mitbegründer der Indian Machine Vision Association (IMVA)
Die Indian Machine Vision Association (IMVA) vereint Indiens Bildverarbeitungsindustrie, um Wachstum und Innovation zu fördern. Im Interview gibt Raghava Kashyapa, Mitbegründer der IMVA, Einblicke, wie der Verband Unternehmen unterstützt, um Fachkräfte auszubilden und die Herausforderungen der Branche zu meistern.
inspect: Warum wurde die Indian Machine Vision Association (IMVA) gegründet?
Raghava Kashyapa: Die IMVA wurde gegründet, um die indische Bildverarbeitungsindustrie zu vereinen. Durch die Zusammenführung von Unternehmen, Fachleuten und Forschern wollen wir Wissen austauschen und gemeinsame Herausforderungen angehen. Angesichts des wachsenden Bedarfs Indiens an Bildverarbeitungstechnologien trägt ein vereinigter Verband dazu bei, die Bemühungen zu bündeln und das Branchenwachstum zu fördern.
inspect: Was ist das Ziel der IMVA?
Kashyapa: Unser Hauptziel ist es, die Nutzung und Entwicklung von Bildverarbeitungstechnologien in Indien zu fördern. Wir unterstützen Unternehmen, bilden Fachkräfte aus und vernetzen Akteure der Branche. Wir setzen uns auch für die Interessen der Branche in Bezug auf Regierungspolitik und -vorschriften ein.
inspect: Wer sind die Gründungsmitglieder?
Kashyapa: Zu den Gründungsmitgliedern gehören Fachleute und Unternehmen aus verschiedenen Bereichen des Bildverarbeitungs-Ökosystems, wie Systemintegratoren, Technologieanbieter, Akademiker und Hersteller. Die Idee wurde von mir und Ronald Müller (von Vision Markets) ins Leben gerufen, da wir die Notwendigkeit einer solchen Vereinigung erkannten. Ein erstes Treffen im April 2024 in Bangalore mit 12 Teilnehmern bestätigte diese Idee, gefolgt von einem Treffen auf der Automate-Messe in Mumbai, bei dem wir sie für 25 Gründungsmitglieder zugänglich machten. Seitdem arbeitete eine Untergruppe der Gründungsmitglieder fleißig an der Ausarbeitung der Satzung und der Organisationsstruktur, die wir im ersten Quartal 2025 etablieren werden. Wir rechnen damit, in den nächsten 12 bis 18 Monaten 100 weitere Mitglieder zu gewinnen.
inspect: Welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen erfüllen, um Mitglied zu werden?
Kashyapa: Die Mitgliedschaft steht sowohl nationalen als auch internationalen Organisationen offen, die im Ökosystem der industriellen Bildverarbeitung tätig sind, sei es durch Technologie, Forschung oder Anwendung.
inspect: Welche Rolle spielt maschinelles Sehen in der indischen Industrie?
Kashyapa: Die industrielle Bildverarbeitung wird in der indischen Industrielandschaft immer wichtiger. Sie verbessert die Qualitätskontrolle, steigert die Produktivität und gewährleistet die Sicherheit in verschiedenen Sektoren, darunter Fertigung, Logistik, Gesundheitswesen, Landwirtschaft und Verkehrsmanagement. Regierungsinitiativen wie „Make in India“ und das Programm „Production Linked Incentive (PLI)“ hat die Einführung fortschrittlicher Technologien, einschließlich der industriellen Bildverarbeitung, beschleunigt, indem sie die inländische Fertigung fördern und die Importabhängigkeit verringern.
Im Fertigungssektor, insbesondere in fortschrittlichen Branchen wie der Automobil- und Elektronikindustrie, sind Bildverarbeitungssysteme für Präzision und Effizienz unerlässlich. Der Fertigungssektor in Indien steht vor einem bedeutenden Wachstum, wobei sein Beitrag zur Bruttowertschöpfung (BWS) voraussichtlich von derzeit 14 Prozent (459 Milliarden USD) auf 21 Prozent (1.557 Milliarden USD) bis 2032 steigen wird.
Über die traditionelle Fertigung hinaus setzt Indiens Startup-Ökosystem zunehmend auf die maschinelle Bildverarbeitung. In Sektoren wie Agrartechnik, Gesundheitstechnik und Bautechnik werden innovative Anwendungen der maschinellen Bildverarbeitung eingesetzt, die durch die Demokratisierung von Software und zugänglichen KI-Tools vorangetrieben werden. So nutzen beispielsweise Agrartechnik-Startups KI-gesteuerte Lösungen, um die landwirtschaftlichen Praktiken in ganz Indien zu revolutionieren.
Die Präsenz globaler Technologieführer in Indien unterstreicht das erwartete Wachstum. Unternehmen wie Nvidia haben eine bedeutende Präsenz im Land aufgebaut, und führende Akteure wie LMI Technologies haben Niederlassungen gegründet, was das Vertrauen in den expandierenden Markt und das Potenzial für eine weit verbreitete Implementierung von Bildverarbeitungslösungen widerspiegelt.
inspect: Wie sehen Sie die Entwicklung der Bildverarbeitungstechnologie in Indien und weltweit?
Kashyapa: Die Technologie der maschinellen Bildverarbeitung macht in Indien rasante Fortschritte, insbesondere bei der Software-Entwicklung. Indische Unternehmen entwickeln innovative Lösungen, die auf verschiedene Branchen zugeschnitten sind und zum globalen Ökosystem der maschinellen Bildverarbeitung beitragen.
Allerdings hinkt die Hardware-Fertigung in Indien Ländern wie China hinterher, die über eine besser ausgebaute Infrastruktur und Produktionskapazitäten verfügen. Diese Ungleichheit führt zu Herausforderungen bei der Verfügbarkeit und den Kosten von Hardware-Komponenten für die maschinelle Bildverarbeitung in Indien.
Die Systemintegration ist für den effektiven Einsatz von Bildverarbeitungssystemen entscheidend. Während die notwendige Technologie vorhanden ist und die Nachfrage steigt, mangelt es in Indien an qualifizierten Systemintegratoren. Um diese Lücke zu schließen, ist es unerlässlich, bestehende Integratoren in der Anwendung von Bildverarbeitungstechnologien zu schulen. Bildungsinitiativen und praktische Schulungsprogramme können das für eine erfolgreiche Umsetzung erforderliche Fachwissen verbessern.
inspect: Wie wichtig ist die Aus- und Weiterbildung von Bildverarbeitungsexperten für Sie?
Kashyapa: Bildung und Ausbildung sind für die Weiterentwicklung der Bildverarbeitungstechnologie von entscheidender Bedeutung. Eine große Herausforderung in Indien ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften, insbesondere im Bereich der Systemintegration – eine entscheidende Komponente, die die nahtlose Einbindung von Bildverarbeitungssystemen in bestehende industrielle Prozesse gewährleistet. Der Aufbau von Fachwissen in diesem Bereich ist unerlässlich, um die Vorteile der Bildverarbeitungstechnologien voll ausschöpfen zu können. Durch die Konzentration auf eine effektive Integration können Unternehmen die Herausforderungen bei der Umsetzung bewältigen und die Gesamtleistung ihrer Automatisierungsprozesse verbessern.
inspect: Welche Herausforderungen sehen Sie in der indischen Bildverarbeitungsindustrie?
Kashyapa: Die indische Bildverarbeitungsindustrie steht vor mehreren Herausforderungen, die ihr Wachstum und ihre breite Akzeptanz behindern:
- Begrenztes Bewusstsein: Viele Organisationen sind sich der Vorteile und potenziellen Anwendungen der Bildverarbeitungstechnologie nicht voll bewusst, was zu einer zögerlichen Einführung führt.
- Einschränkungen bei der Hardware-Herstellung: Die lokale Produktion von Bildverarbeitungshardware in Indien ist begrenzt, was zu einer Abhängigkeit von Importen führt, was die Kosten erhöhen und die Umsetzungsfristen beeinträchtigen kann.
- Mangel an qualifizierten Integrationsfachleuten: Es gibt eine erhebliche Lücke bei der Verfügbarkeit von ausgebildeten Experten, die Bildverarbeitungssysteme entwerfen, implementieren und warten können, insbesondere in Systemintegrationsfunktionen.
- Vermeintlich hohe Kosten: Einige Unternehmen sehen Bildverarbeitungssysteme als teure Investitionen an und stufen sie eher als Luxus denn als Notwendigkeit ein, was ihre Investitionsbereitschaft hemmt.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, sind gemeinsame Anstrengungen in den Bereichen Bildung, lokale Fertigungskapazitäten, Kompetenzentwicklung und Änderung der Wahrnehmung des Werts und der Rendite erforderlich, die die Bildverarbeitungstechnologie bieten kann.
Autor
David Löh, Chefredakteur der inspect